PizzaGate: Was steckt hinter der Verschwörungstheorie?

Die Verschwörungstheorie "PizzaGate" ist ein Paradebeispiel dafür, wie Falschmeldungen im Internet echte Konsequenzen haben können. Sie entstand im US-Wahlkampf und verbreitete sich rasant, was letztendlich zu einem bewaffneten Angriff auf eine Pizzeria in Washington D.C. führte.

Die Pizzeria Comet Ping Pong in Washington D.C., die im Zentrum der PizzaGate-Verschwörungstheorie stand.

Die Ursprünge von PizzaGate

Im Kern der "PizzaGate"-Theorie steht die falsche Behauptung, dass im hinteren Teil der Pizzeria "Comet Ping Pong" in Washington D.C. Kinder als Sexsklaven gehalten würden und die Demokratin Hillary Clinton in dieses Verbrechen verstrickt sei. Diese Behauptung wurde vor allem im Internet verbreitet.

Die Theorie besagt, dass John Podesta, der Wahlkampfleiter von Hillary Clinton, im losen Kontakt mit James Alefantis, dem Besitzer der Pizzeria, stand. Zudem sei Alefantis der frühere Freund und Partner von David Brock, einem wichtigen Verbündeten der Clintons. Angeblich tauschten sich Podesta und Alefantis in Codewörtern aus, die darauf hindeuteten, dass der Pizzeria-Besitzer Kinder versklave. Obskure Symbole auf der Speisekarte und Bilder mit geschmacklosen Kommentaren auf dem Instagram-Konto von Alefantis bestätigten den anfänglichen Verdacht.

Anfänglich beschränkten sich die Hobby-Ermittler bloss darauf, auf Seiten wie 4Chan und Reddit obskure Datenpunkte miteinander zu verbinden. Dann begannen sie, "Comet Ping Pong" telefonisch zu belästigen. "Ich werde Sie persönlich töten", sagten die unbekannten Anrufer. Und schliesslich tauchten plötzlich wildfremde Menschen im Restaurant auf, die einen Blick auf den Keller werfen wollten, in dem angeblich Kinder gefangen gehalten und gefoltert würden. Oder sie wollten die Tunnels sehen, mit denen diverse Betriebe in der Umgebung - die alle von Clinton-Sympathisanten kontrolliert werden - verbunden seien.

Alefantis sagte, die Geschichte sei erstunken und erlogen, schaltete die Bundespolizei FBI ein, und stellte Sicherheitspersonal an. Reddit, die bekannte Debatten-Plattform im Internet, löschte sämtliche "Pizza Gate"-Diskussionen. Alles half nichts.

Die Eskalation: Ein bewaffneter Angriff

Die "PizzaGate"-Verschwörungstheorie eskalierte, als Edgar Maddison Welch, ein 28-jähriger Mann aus North Carolina, am Sonntag in die amerikanische Hauptstadt fuhr, um der Pizzeria "Comet Ping Pong" an einer Ausfallstrasse Washingtons einen Besuch abzustatten. Mit zwei Feuerwaffen verschaffte er sich Zutritt zum Lokal, und begann, Kunden und Angestellte zu bedrohen und um sich zu feuern. Schliesslich ergab sich Welch kampflos der Polizei. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Später sagte er gemäss einer Medienmitteilung, er habe das Restaurant betreten, um Ermittlungen in der «Pizza Gate»-Affäre anzustellen. Ein 29-Jähriger muss für seine Schüsse in einer Pizzeria in Washington laut einem CNN-Bericht vier Jahre lang in Haft. Der Mann hatte sich im Dezember in North Carolina auf den langen Weg in die Hauptstadt gemacht, um dort mit der Waffe in der Hand eigenhändig gegen "Pizzagate" vorzugehen.

Edgar Maddison Welch wurde nach dem Angriff auf die Pizzeria verhaftet.

Die Rolle des Internets und sozialer Medien

Das Internet spielte eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von "PizzaGate". In den sozialen Medien wurden die Falschmeldungen millionenfach geteilt und kommentiert. Die Anonymität des Internets ermöglichte es, Gerüchte und Verschwörungstheorien ungehindert zu verbreiten.

Der Fall "PizzaGate" zeigt, wie schnell sich Desinformation im digitalen Zeitalter verbreiten kann. Die blitzschnelle Verbreitung und die ungehinderte Veröffentlichung von Informationen führen zu einer Dynamik der unmittelbaren Eskalation und erzeugen den Schock der direkten Gegenwart des Ereignisses.

QAnon und die Weiterentwicklung der Verschwörungstheorie

Die "PizzaGate"-Verschwörungstheorie gilt als Vorläufer von QAnon. Auf dem Internetforum «4chan» erscheinen im Oktober 2017 wieder entsprechende Botschaften - anonym platziert unter dem Pseudonym «QAnon» - oder Q-Anonymous. Wer dahinterstecke sei nicht bekannt, sagt Politologie-Professor Joseph Uscinski, Autor des Buches «American Conspiracy Theories».

Q, der behauptet, ein hochrangiges Mitglied des militärischen Geheimdienstes zu sein, platziert in Internetforen kryptische Hinweise und Informationsschnipsel. QAnon-Anhängerin Marjorie Taylor Greene erklärt in einem Youtube-Video: Q stelle vor allem Fragen, sie recherchiere dann, um diese zu beantworten und damit könne sie Ereignisse voraussagen. Bei QAnon arbeitet die Anhängerschaft also quasi mit bei der Aufdeckung der sogenannten Verschwörung.

Viele von Q's Prophezeiungen erwiesen sich zwar als falsch. Doch die QAnon-Anhänger kümmere dies wenig, sagt Uscinski. Denn sie glaubten, Q lege ab und zu absichtlich falsche Fährten, um den Gegner abzulenken. Das immunisiere die Anhängerschaft gegenüber den eigenen Widersprüchen, sagt der Experte für Verschwörungstheorien.

Ein QAnon-Anhänger bei einer Kundgebung.

Die Gefahr von Desinformation

Der Fall "PizzaGate" verdeutlicht die Gefahr von Desinformation und die Notwendigkeit, Nachrichtenquellen kritisch zu hinterfragen. Es ist wichtig, sich nicht von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien beeinflussen zu lassen und sich stattdessen auf fundierte Informationen zu verlassen.

Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) teilt mit, Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit müsse zu den zentralen Bedrohungen der menschlichen Gesellschaft gerechnet werden. Die unmittelbar erlebbare Wahrheitskrise und die Verschärfung der öffentlich ausgetragenen Wahrheitskriege haben ein solches Angstwort hervorgebracht, seine rasche, inzwischen epidemische Verbreitung begünstigt. Hier verdichtet sich in einem einzigen Begriff die Horrorvision von der Totalimplosion realer Bezüge.

Um die Verbreitung von Desinformation einzudämmen, ist es wichtig, Medienkompetenz zu fördern und die Mechanismen der Informationsverbreitung im digitalen Zeitalter zu verstehen. Nur so kann man sich vor Falschmeldungen schützen und eine fundierte Meinung bilden.

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