Spaghetti für zwei: Eine Kurzgeschichte über Vorurteile und unerwartete Begegnungen

Die Kurzgeschichte "Spaghetti für zwei" von Federica de Cesco erzählt die Geschichte von Heinz, einem vierzehnjährigen Jungen, der sich cool fühlt und in einem Selbstbedienungsrestaurant eine unerwartete Begegnung hat. Die Geschichte beleuchtet auf humorvolle Weise Vorurteile und Missverständnisse, die zu einer überraschenden Wendung führen.

Die Ausgangssituation

Heinz ist vierzehn und fühlt sich cool. In der Klasse und auf dem Fussballplatz hatte er das Sagen. Im Unterricht machte er gerne auf Verweigerung. Die Lehrer sollten bloss nicht auf den Gedanken kommen, dass er sich anstrengte. Mittags konnte er nicht nach Hause, weil der eine Bus zu früh, der andere zu spät abfuhr. So aß er im Selbstbedienungsrestaurant, gleich gegenüber der Schule.

Viel Geld wollte Heinz nicht ausgeben. Italienische Gemüsesuppe stand im Menü. Ein schwitzendes Fräulein schöpfte die Suppe aus einem dampfenden Topf. Heinz nickte zufrieden. Der Teller war ordentlich voll. Eine Schnitte Brot dazu, und er würde bestimmt satt. Er setzte sich an einen freien Tisch.

Das Missverständnis

Da merkte er, dass er den Löffel vergessen hatte. Heinz stand auf und holte sich einen. Als er zu seinem Tisch zurückstapfte, traute er seinen Augen nicht: Ein Schwarzer saß an seinem Platz und aß seelenruhig seine Gemüsesuppe! Heinz stand mit seinem Löffel fassungslos da, bis ihn die Wut packte. Zum Teufel mit diesen Asylbewerbern! Der kam irgendwo aus Uagadugu, wollte sich in der Schweiz breitmachen, und jetzt fiel ihm nichts Besseres ein, als ausgerechnet seine Gemüsesuppe zu verzehren!

Heinz öffnete den Mund, um dem Menschen lautstark seine Meinung zu sagen, als ihm auffiel, dass die Leute ihn komisch ansahen. Heinz wurde rot. Er wollte nicht als Rassist gelten. Aber was nun? Plötzlich fasste er einen Entschluss. Er zog einen Stuhl zurück und setzte sich dem Schwarzen gegenüber. Dieser hob den Kopf, blickte ihn kurz an und schlürfte ungestört die Suppe weiter.

Heinz presste die Zähne zusammen, dass seine Kinnbacken schmerzten. Dann packte er energisch den Löffel, beugte sich über den Tisch und tauchte ihn in die Suppe. Der Schwarze hob abermals den Kopf. Sekundenlang starrten sie sich an. Heinz führte mit leicht zitternder Hand den Löffel zum Mund und tauchte ihn zum zweiten Mal in die Suppe. Seinen vollen Löffel in der Hand. Fuhr der Schwarze fort, ihn stumm zu betrachten. Dann senkte er die Augen auf seinen Teller und aß weiter. Eine Weile verging. Beide teilten sich die Suppe, ohne dass ein Wort fiel.

Heinz versuchte nachzudenken. Vielleicht hat der Mensch kein Geld, muss schon tagelang hungern. Vielleicht würde ich mit leerem Magen ähnlich reagieren? Und Deutsch kann er anscheinend auch nicht. sonst würde er da nicht sitzen wie ein Klotz. Ist doch peinlich. Ich an seiner Stelle würde mich schämen. Ob Schwarze wohl rot werden können?

Die Wendung

Das leichte Klirren des Löffels, den der Afrikaner in den leeren Teller legte, liess Heinz die Augen heben. Der Schwarze hatte sich zurückgelehnt und sah ihn an. Heinz konnte seinen Blick nicht deuten. In seiner Verwirrung lehnte er sich ebenfalls zurück. Er versuchte, den Schwarzen abzuschätzen. Junger Kerl. Etwas älter als ich. Vielleicht sechzehn oder sogar schon achtzehn. Normal angezogen: Jeans, Pulli, Windjacke. Sieht eigentlich nicht wie ein Obdachloser aus. Immerhin, der hat meine halbe Suppe aufgegessen und sagt nicht einmal danke! Verdammt, ich habe noch Hunger!\

Der Schwarze stand auf. Heinz blieb der Mund offen. Haut der tatsächlich ab? Jetzt ist aber das Mass voll! So eine Frechheit! Der soll mir wenigstens die halbe Gemüsesuppe bezahlen! Er wollte aufspringen und Krach schlagen. Da sah er, wie sich der Schwarze mit einem Tablett in der Hand wieder anstellte. Heinz fiel unsanft auf seinen Stuhl zurück.

Also doch: Der Mensch hat Geld! Aber bildet der sich vielleicht ein, dass ich ihm den zweiten Gang bezahle? Heinz griff hastig nach seiner Schulmappe. Bloss weg von hier, bevor er mich zur Kasse bittet! Aber nein, sicherlich nicht. Oder doch Heinz liess die Mappe los Lind kratzte nervös an einem Pickel. Irgendwie wollte er wissen, wie es weiterging. Jetzt stand der Schwarze vor der Kasse und wahrhaftig er bezahlte! Heinz schniefte. Verrückt! dachte er. Total gesponnen!

Da kam der Schwarze zurück. Er trug das Tablett, auf dem ein grosser Teller Spaghetti stand, mit Tomatensauce, vier Fleischbällchen und zwei Gabeln. Immer noch stumm, setzte er sich Heinz gegenüber, schob den Teller in die Mitte des Tisches, nahm eine Gabel und begann zu essen. Heinz Wimpern flatterten. Dieser Typ forderte ihn tatsächlich auf, die Spaghetti mit ihm zuteilen! Heinz brach der Schweiss aus. Was nun? Sollte er essen? Nicht essen? Seine Gedanken überstürzten sich. Wenn der Mensch doch wenigstens reden würde! Na gut. Er ass die Hälfte meiner Suppe, jetzt esse ich die Hälfte seiner Spaghetti, dann sind wir quitt! Wütend und beschämt griff Heinz nach der Gabel, rollte die Spaghetti auf und steckte sie in den Mund. Schweigen. Beide verschlangen die Spaghetti.

Eigentlich nett von ihm, dass er mir eine Gabel brachte, dachte Heinz. Aber was soll ich jetzt sagen? Danke? Saublöde! Einen Vorwurf machen kann ich ihm auch nicht mehr. Vielleicht hat er gar nicht gemerkt, dass er meine Suppe ass. Oder vielleicht ist es üblich in Afrika, sich das Essen zu teilen? Schmecken gut, die Spaghetti. Wenn ich nur nicht so schwitzen würde!

Die Auflösung

Die Portion war sehr reichlich. Bald hatte Heinz keinen Hunger mehr. Dem Schwarzen ging es ebenso. Er legte die Gabel aufs Tablett und putzte sich mit der Papierserviette den Mund ab. Heinz räusperte sich. Der Schwarze lehnte sich zurück, schob die Daumen in die Jeanstaschen und sah ihn an. Undurchdringlich. Heinz kratzte sich unter dem Rollkragen, bis ihm die Haut schmerzte. Wenn ich nur wüsste, was er denkt! Verwirrt, schwitzend und erbost liess er seine Blicke umherwandern. Plötzlich spürte er ein Kribbeln im Nacken. Ein Schauer jagte ihm über die Wirbelsäule von den Ohren bis ans Gesäss. Auf dem Nebentisch, an den sich bisher niemand gesetzt hatte, stand einsam auf dem Tablett ein Teller kalter Gemüsesuppe.

Heinz erlebte den peinlichsten Augenblick seines Lebens. Am liebsten hätte er sich in ein Mauseloch verkrochen. Es vergingen zehn volle Sekunden, bis er es endlich wagte, dem Schwarzen ins Gesicht zu sehen. Der sass da, völlig entspannt und cooler, als Heinz es je sein würde, und wippte leicht mit dem Stuhl hin und her. Ah , stammelte Heinz, feuerrot im Gesicht. Entschuldigen Sie bitte. Ich. Er sah die Pupillen des Schwarzen aufblitzen. Auf einmal warf dieser den Kopf zurück, brach in dröhnendes Gelächter aus. Zuerst brachte Heinz nur ein verschämtes Glucksen zustande, bis endlich der Bann gebrochen war und er aus vollem Halse in das Gelächter des Afrikaners einstimmte.

Eine Weile sassen sie da, von Lachen geschüttelt. Dann stand der Schwarze auf, schlug Heinz auf die Schulter. Ich heisse Marcel, sagte er in bestem Deutsch. Ich esse jeden Tag hier. Sehe ich dich morgen wieder? Um die gleiche Zeit? Heinz Augen tränten, und er schnappte nach Luft. In Ordnung! keuchte er. Aber dann spendiere ich die Spaghetti!

Analyse der Figuren

Die Geschichte präsentiert zwei Hauptfiguren, die unterschiedlicher nicht sein könnten:

  • Heinz: Ein vierzehnjähriger Junge, der sich cool fühlt und Vorurteile gegenüber Fremden hat. Er ist unsicher und möchte nicht als Rassist gelten.
  • Marcel: Ein junger Mann, der ruhig und gelassen auf Heinz' Vorurteile reagiert. Er ist großzügig und teilt sein Essen mit Heinz, was zu einer überraschenden Wendung führt.

Vorurteile im Text

Heinz hatte mehrere Vorurteile gegenüber Marcel:

  • Er hielt Marcel für einen Asylbewerber.
  • Er glaubte, dass Marcel kein Geld hat und sich deshalb an seiner Suppe vergriffen hat.
  • Er dachte, dass Marcel kein Deutsch spricht.

Diese Vorurteile basieren auf Stereotypen und führen zu einem Missverständnis, das erst am Ende der Geschichte aufgeklärt wird.

Die Bedeutung des Titels

Der Titel "Spaghetti für zwei" ist symbolisch. Er steht für die Überwindung von Vorurteilen und die Möglichkeit einer unerwarteten Freundschaft. Das gemeinsame Essen wird zum verbindenden Element zwischen Heinz und Marcel.

Lehrmaterialien und Aufgaben

Die Kurzgeschichte eignet sich gut für den Deutschunterricht. Hier sind einige Aufgaben, die im Unterricht bearbeitet werden können:

  1. Erkläre, wie es zu der peinlichen Situation für Heinz kam.
  2. Zitiere Textstellen, die Marcels cooles Verhalten belegen. War Heinz wirklich cool? Nimm dazu Stellung.
  3. Erkläre die Ausdrücke: "das Sagen haben", "auf Verweigerung machen", "den Bann brechen".
  4. Nenne zwei Vorurteile, die Heinz gegenüber Marcel hatte.

Rollenspiele und Gruppenarbeiten

Zusätzlich können Rollenspiele und Gruppenarbeiten eingesetzt werden, um die Thematik zu vertiefen:

  • Gruppe 1: Was könnten die Leute am Nebentisch während der Szene gesprochen haben?
  • Gruppe 2: Was erzählt die Frau, die die Suppe schöpfte, ihrer Familie am Abend? Wie reagiert die Familie?
  • Gruppe 3: Wie erzählt Heinz seinen Kumpels von dem Ereignis? Wie reagieren seine Kumpels?
  • Gruppe 4: Was wird gesprochen, wenn sich Heinz und Marcel einige Zeit später wieder treffen? Wie verhalten sie sich?

Diese Aufgaben fördern das Verständnis für die Charaktere und die Thematik der Geschichte.

Schlussfolgerung

Die Kurzgeschichte "Spaghetti für zwei" ist eine lehrreiche und unterhaltsame Geschichte, die zum Nachdenken über Vorurteile und die Bedeutung von Offenheit und Toleranz anregt. Sie zeigt, dass unerwartete Begegnungen zu positiven Veränderungen führen können.

Wie rassistisch bist du? Das Experiment, Teil 1/3

Tabelle: Charaktereigenschaften von Heinz und Marcel

Charakter Eigenschaften
Heinz Unsicher, vorurteilsbehaftet, möchte cool sein, lernt dazu
Marcel Ruhig, gelassen, großzügig, tolerant

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