Die Geschichte der Milchprodukte in den 70er Jahren ist reich an Innovationen und Veränderungen. Von kleinen lokalen Betrieben bis hin zu grossen Molkereien, die Milchwirtschaft hat in dieser Zeit bedeutende Entwicklungen erlebt.

Die Anfänge der Milchverarbeitung
Nach 1900 schlossen sich Bauern landauf, landab in Milchverwertungsgenossenschaften zusammen. Auch in Suhr. «Damals wie heute ging es um das Gerangel um den Milchpreis», sagt Bertschi. Die Käser wollten den Preis drücken. Ein weiterer Grund: Die Milch musste aufbereitet werden. Man hatte erkannt, dass der Konsum von Rohmilch und Milchprodukten aus unpasteurisierter Milch gefährlich war. Wegen Seuchengefahr konnte er sogar tödlich enden.
Die Butterzentrale Suhr
Bauern aus der ganzen Region lieferten ihre Milch nun nach Suhr, wo sie zu Butter verarbeitet wurde (1929 wurde die Vorzugsbutter «Floralp» eingeführt). Allein im Jahr 1926 wurden knapp 196 Tonnen Butter umgesetzt, davon 29 Tonnen Importbutter. Mit dem Umzug in den Neubau am Bahnhof 1928 wurde auch der Verkauf von Käse aufgenommen (nicht aber die Herstellung).
Schon im ersten Jahr wurden über 15 Tonnen Tilsiter, Greyerzer und Emmentaler verkauft. «Milchprodukte waren damals sehr gefragte Güter», sagt Bertschi. Insbesondere in den Kriegsjahren, als Ersatz für Fleisch. Weil nicht nur die Nachfrage stieg, sondern es gleichzeitig an Weideland fehlte, weil die Wiesen zu Äckern umgepflügt worden waren, musste Butter importiert werden. Aus Dänemark, Argentinien, Polen, zwischenzeitlich sogar aus Neuseeland.

Die Butterzentrale am Bahnhof Suhr anno 1944.
Die Produktion von Joghurt
Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde ausserdem die Produktion von Quark und Joghurt aufgenommen (erst nur Nature-Joghurt, später mit Kaffee- und Bananengeschmack). Und weil die «Anke-Not» auch nach dem Krieg anhielt, wurde der Käsekeller im Sandstein unter der reformierten Kirche Suhr so ausgebaut, dass nun 70 Tonnen Käse gelagert werden konnten.
Weitere Produkte und Entwicklungen
Ab 1953 produzierte die Firma Kaffeerahm, ab 1954 Pastmilch und 1955 kam das Getränk Surina auf den Markt. 1969 folgte die Joghurtmarke Cristallina. 1973 schlug das letzte Stündlein für die «Butteri», der neue Standort im Helgenfeld lief fortan unter dem Namen AZM. 1979 wurde erstmals Halbrahm in Flaschen abgefüllt und 1985 die UHT-Milch eingeführt.
2006 schloss sich die AZM mit der Butterzentrale Luzern zur Mittelland-Molkerei AG zusammen, Emmi übernahm die Geschäftsleitung. Nachfolgerin der AZM wurde die AZM Verwaltungs AG. Sie ist im Besitz der Genossenschaft Milchproduzenten Mittelland (MPM) und besitzt die Liegenschaften auf dem einstigen «Butteri»-Areal am Bahnhof.
Die Toni-Molkerei in Zürich
Die Geschichte des Toni-Areals fasziniert durch überraschende Wendungen - ein Spiegel der Stadtentwicklung. Einst wurden in der Toni-Molkerei eine Million Liter Milch täglich verarbeitet, später wurde darin mehr Bier getrunken: Der Industriekoloss Ende der 70er-Jahre.
Der Industriekoloss Ende der 70er-Jahre.
Als sich in den 70er-Jahren das Verhältnis zur Natur und zu den Ressourcen veränderte, forderte Toni seine Kunden auf, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Der Milchverarbeiter versprach, bei einem Rücklauf von über 30 Prozent eine Glasreinigungslage einzubauen, um Joghurtgläser zu rezyklieren. Für die dazugehörige Marketingaktion tat sich Toni mit einem blutjungen Absolventen der damaligen Schule für Gestaltung zusammen. Jean Etienne Aebi schuf die Kampagne «Das im Glas». In den 80er-Jahren kannte jedes Kind den Slogan.
Selbst die pfiffigste Marketingkampagne konnte aber den wirtschaftlichen Wandel nicht aufhalten. Der Konsum von Milchprodukten ging zurück, ausländische - billigere - Konkurrenz wurde zugelassen. Aber die Milchverbände hatten in unbändigem Zukunftsglauben viel zu viele Kapazitäten aufgebaut. Es kam zu Übernahmen und Fusionen, schliesslich mutierten die Verbände zu einem kurzlebigen Konglomerat: Swiss Dairy Food.
Gala-Käsli: Ein Luxus für Arbeiterfamilien
Gala-Käsli waren Luxus für die Arbeiterfamilie - allerdings ein Luxus, den sie sich immer wieder leistete. Die Alternative zur Gala-Köstlichkeit waren die runden Käseschachteln von Gerber. Die Dreiecklein zeigten sich hier kleiner. Überdies offerierten sie die verschiedensten Geschmacksrichtungen. Am beliebtesten war bei uns Kindern das Schinken-Käsli.
Erst in den späten 70er Jahren ist der Käse zum Thema geworden. Damals, als die Gewerkschafts- und Trämlerlöhne bald einmal das Einkommen des Kleinunternehmers überholten, war Café complet auch in Arbeiterkreisen kein Thema mehr. Die Nachtessen wurden mit den Löhnen üppiger - und die Käseplatten auch.
1936 kam die Schachtel erstmals auf den Markt. Zehn Jahre lang haben die Experten von Gerber gepröbelt, bis sie diesen Frischkäse aus Doppelrahm herausgetüftelt hatten. Wichtig war die Bekömmlichkeit der legendären Dreiecke. «Der Name Gala enthält die Idee eines Galadiners. Die Familie Gerber, welche damals den Käse produzierte, wollte aus dem blauen Halbmond einen kulinarischen Genuss machen», sagt Elisabeth Ayer von der Emmi-Gruppe, zu der Gala heute gehört. Es ist ihr gelungen.

Innovationen und Diversifizierung
Die 70er Jahre brachten auch neue Produkte und Geschmacksrichtungen hervor. So wurden beispielsweise Sorbets aus purem Quellwasser mit den besten Früchten und Aromen auf den Markt gebracht.
Die Geschichte von Ben & Jerry's zeigt, wie in den späten 70er Jahren aus einer einfachen Eisdiele ein weltweites Glace-Imperium entstehen konnte.
Bevor Ben & Jerry’s berühmt wurde… | KURZBIOGRAPHIE
Die Entstehung von Ben & Jerry's
- 1978: Ben und Jerry gründen ihr Glace-Imperium in Burlington, Vermont.
- Erster Geburtstag: Kostenloses Glace für alle Kunden als Dank für die Unterstützung.
- Wachstum: Anmietung von Räumlichkeiten in einer alten Spulenfabrik zur Abfüllung von Glace in Becher.
- Cowmobile: Vorstellung des Cowmobiles, eines umgebauten Wohnmobils, zur landesweiten Verteilung von Glace.
Die alte Tankstelle wird abgerissen, um einem Parkplatz zu weichen.
Einführung neuer Eissorten
- Cherry Garcia®: Launch der Eissorte Cherry Garcia®, benannt nach dem Gitarristen von The Grateful Dead.
- Cookie Dough: Einführung des Klassikers Cookie Dough, der schnell zu einem der beliebtesten Eisbecher wird.
- Wavy Gravy: Launch der Eissorte Wavy Gravy, benannt nach einer Persönlichkeit des Woodstock Festivals.
Engagement für soziale Verantwortung
- Farm Aid: Bedruckung von acht Millionen Verpackungen mit der Botschaft „Support Farm Aid“.
- Children’s Defense Fund: Zusammenarbeit mit der US-Organisation Children’s Defense Fund zur Schaffung von Aufmerksamkeit für die Grundbedürfnisse von Kindern.
Die Migros und ihre Innovationen
Die Migros AG revolutionierte den Detailhandel in der Schweiz mit fahrenden Verkaufsläden. Gottlieb Duttweiler fand im Ford T das passende Auto für sein Konzept.

Ein Migros Verkaufswagen aus dem Jahr 1925.
Die ersten Verkaufswagen
Gottlieb Duttweiler beauftragt eine Karosseriewerkstatt, seine fünf Ford T zu fahrenden Verkaufswagen umzubauen: Zur Unterbringung der Ware dient ein hölzerner Kastenaufbau mit zwei seitlichen Klappen. Diese lassen sich aufstellen und bieten Ware und Verkäufer bei Regen einen gewissen Schutz. Der Verkaufswagen, das ist Duttweiler von Anfang an klar, ist auch sein bester Werbeträger. Er lässt deshalb an der Rückseite einen kleinen Schaukasten einbauen, in dem die Produkte ausgestellt werden. Vor allem aber schmückt er die Fahrzeuge mit dem ersten Werbeslogan seines neuen Unternehmens. Auf dem Holzkasten steht in grosser, zweifarbiger Schrift: «Migros AG», nach kurzer Zeit ergänzt durch «die frischen Qualitäten». Und auf der Türe prangt von Anfang an eine Brücke; das Migros-Symbol.
Rationalisierung der Arbeitsabläufe
Gottlieb Duttweiler ist ein grosser Anhänger der Rationalisierung von Arbeitsabläufen, wie sie der amerikanische Autofabrikant Henry Ford propagiert. Um Zeit und Geld beim täglichen Beladen der Verkaufswagen zu sparen, erfindet er ein raffiniertes System. Er wende in seinem Betrieb die «Ford’schen Prinzipien» an, sagt er einmal. Er versuche, wie dieser, die «grösstmögliche Ausnützung der Arbeitsstunden» zu erreichen.
Das Einbahnsystem
Als Duttweiler 1927 den Ford A als neuen, grösseren Verkaufswagen anschafft, erfindet er das Einbahnsystem. In niedrigen Metallschubladen werden die Waren von der einen Seite her in den Wagen geschoben und auf der anderen Seite für den Verkauf herausgezogen. Das beschleunigt das Beladen und garantiert, dass keine Ladenhüter entstehen, weil die ältere Ware immer zuerst verkauft wird.
Die ersten Produktionsbetriebe
Die Alkoholfreie Weine und Konservenfabrik in Meilen ist der erste Produktionsbetrieb der jungen Migros AG. Ihr Kauf im Frühling 1928 ist Gottlieb Duttweilers Antwort an die Adresse der Lebensmittelfabrikanten, die ihn boykottieren. Die kleine Fabrik direkt am Bahnhof ist spezialisiert auf das alkoholfreie Vergären von Obstsäften, hat aber während ein paar Jahren auch Konserven produziert. Duttweiler tauft sie um in Produktion AG Meilen, kurz PAG, und baut die Fabrikation aus.
Schlussfolgerung
Die 70er Jahre waren eine Zeit des Wandels und der Innovation in der Milchwirtschaft. Von kleinen lokalen Betrieben bis hin zu grossen Molkereien, die Branche hat bedeutende Entwicklungen erlebt. Die Einführung neuer Produkte, die Rationalisierung der Arbeitsabläufe und das Engagement für soziale Verantwortung haben die Milchwirtschaft nachhaltig geprägt.