Der Doktorhut, auch bekannt als Birett oder Barett, ist ein Symbol akademischer Würde und Errungenschaft. Seine Geschichte reicht tief in die Vergangenheit zurück und ist eng mit den Universitäten und der Entwicklung des Bildungswesens verbunden. Die folgende Abhandlung beleuchtet die Geschichte und Bedeutung dieses ikonischen Kleidungsstücks.

Symbol der akademischen Leistung: Der Doktorhut
Die Ursprünge des Doktorhuts
Die Ursprünge des Doktorhuts lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. In dieser Zeit trugen Gelehrte und Kleriker ähnliche Kopfbedeckungen, die ihren Stand und ihre Bildung auswiesen. Diese frühen Formen des Doktorhuts waren oft einfache, runde Hüte aus Stoff.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich diese Hüte weiter und wurden spezifischer für akademische Grade. Der Doktorhut, wie wir ihn heute kennen, entstand im 14. und 15. Jahrhundert an den europäischen Universitäten.
Martin Luther und die Reformation
Ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte Deutschlands und Europas ist die Reformation.
Die Reformation um Martin Luther einfach erklärt (explainity® Erklärvideo)

Martin Luther nagelt seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg
Sicher ist: Mit dem 31. Oktober 1517 beginnt die Reformation - und die Christen bekommen die Wahl, ob sie papsttreue Katholiken oder evangelische Reformierte sein wollen. Luther ist sozusagen die erste Alternative für Deutschland.
Die Thesen gegen den Ablasshandel
Luther schrieb in seinen auf Lateinisch verfassten Thesen etwa: «Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.» Und: «Das ist gewiss: Fällt die Münze klingelnd in den Kasten, können Gewinn und Habgier zunehmen. Die Fürbitte der Kirche aber liegt allein in Gottes Ermessen.»
Daraus folgert er in weiteren Thesen: «Man muss die Christen lehren: Wer einem Armen gibt oder einem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kaufte; man muss die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, sich nicht um ihn kümmert und für Ablässe etwas gibt, der erwirbt sich nicht Ablässe des Papstes, sondern Gottes Verachtung; man muss Christen lehren: Ablasskauf steht frei, ist nicht geboten.»
Die Entwicklung in Wittenberg
Ein Fünftel der Wittenberger wählte die Rechtspopulisten 500 Jahre später: Die Lutherstadt hat die Alternative für Deutschland (AfD) gewählt. Bei den Bundestagswahlen entscheiden sich 4128 Wittenbergerinnen und Wittenberger für die nationalkonservative Partei - knapp 20 Prozent aller Urnengänger vom 24. September. Damit hat sich hier der Wähleranteil der AfD seit der letzten Bundestagswahl mehr als verfünffacht.
Weitere ostdeutsche Orte wie Eisleben, wo Luther 1483 zur Welt kam und 1546 starb, Mansfeld, wo er zur Schule ging, oder Eisenach, wo er auf der Wartburg die Bibel ins Deutsche übersetzte, sind Zentren der Rechtsaussen-Partei. Das mag Zufall sein. Aber zumindest in gewissen Ansichten sind sich der Reformator von damals und die Reaktionäre von heute recht nahe.
Protestant damals, Protest heute; Papstfeind damals, CDU-Gegner heute: Wer dieser Tage durchs Lutherland zieht, fühlt sich wie auf einer Zeitreise. Diese Ecke in Deutschland war, ist und bleibt aufmüpfig. Hier lehnte sich Luther 1517 gegen den Ablasshandel auf, hier brachten 1989 die «Wir sind das Volk!»-Rufe die Mauer zum Einsturz, hier liegen 2017 die wählerstärksten Gebiete der AfD.
Gebieterisch wie eine preussische Pickelhaube erhebt sich der 88 Meter hohe Turm der Schlosskirche über die Altstadt von Wittenberg. Vor dem grossen Eisentor des Kirchenschiffs steht eine Touristengruppe auf dem Schlossplatz. Das Tor bietet keinen Zugang ins Innere mit dem Grabmal des Reformators. Im Gegenteil: Ein zusätzlicher Zaun hält die Menschen davon ab, die lateinische Inschrift der 95 Luther-Thesen zu berühren - was Vandalen letzten November nicht davon abgehalten hat, das Denkmal mit blauen Hakenkreuzen zu verschmieren.
«An diese Metalltür soll Luther seine Thesen angeschlagen haben?», fragt ein Mann ungläubig. Die Reiseleiterin erklärt, dass die hölzernen Türflügel, welche den Thesenzettel getragen haben sollen, 1760 verbrannt seien. Gut 100 Jahre später schenkte der preussische König Friedrich Wilhelm IV. den Wittenbergern dieses eiserne Denkmal. Ein magischer Anziehungspunkt, dessen Authentizität Wissenschaftler in Zweifel ziehen.
Die Bedeutung des Doktorhuts heute
Heute ist der Doktorhut ein fester Bestandteil der akademischen Kleidung bei Promotionsfeiern und Graduierungszeremonien. Er symbolisiert den erfolgreichen Abschluss eines anspruchsvollen Studiums und die Verleihung des Doktortitels.
Die Form und Farbe des Doktorhuts können je nach Universität und Fachbereich variieren. In der Regel besteht er aus einem quadratischen Brett mit einer Quaste, die in verschiedenen Farben gehalten sein kann, um den jeweiligen Studiengang zu kennzeichnen.
Im Tourismusbüro auf der anderen Seite des Schlossplatzes sind die 95 Thesen als edles Faltblatt in mehreren Sprachen zu kaufen - neben Luther-Bade-Enten, Kaffeetassen mit der Aufschrift «2017 - 500 Jahre Reformation» und Socken in Rot, Blau oder Schwarz, bestickt mit dem Luther zugeschriebenen Satz aus seiner Verteidigungsrede von 1521 vor dem Reichstag in Worms: «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.» Die Socken sind ein Verkaufshit.
Luther ist in dieser Gegend ein Wirtschaftsmotor, speziell im Jubiläumsjahr. Das deutsche Bundesland Sachsen-Anhalt, wo die Lutherstädte Wittenberg, Eisleben und Mansfeld liegen, verzeichnet im Zeitraum von Januar bis August 2017 bei Übernachtungen und Ankünften einen Zuwachs von rund sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. «Damit liegt Sachsen-Anhalt über dem Bundesdurchschnitt», sagt Tourismus-Pressesprecherin Friederike Süssig-Jeschor.
Tourismus in den Lutherstädten
Wie stark dieser Zuwachs auf Luther zurückzuführen ist, zeigt sich, wenn man auf die einzelnen Orte fokussiert: Mansfeld verzeichnet 2017 rund 10 Prozent mehr Übernachtungen, Wittenberg 35 und Eisleben gar 50 Prozent.
Geht man noch näher und zählt die Eintritte zu den Luther-Gedenkstätten, so spricht Süssig-Jeschor zu Recht von «sprunghaftem Anstieg» in diesem Jahr: 237 Prozent mehr Besucher im Elternhaus in Mansfeld, ein Plus von 238 Prozent im Sterbehaus beziehungsweise 245 Prozent im Geburtshaus von Eisleben. Luther wirkt in Ostdeutschland wie ein Magnet. In Wittenberg kommen 2017 weitaus am meisten Touristen aus Deutschland - gefolgt von US-Amerikanern, Dänen und Schweizern (über 3000 Übernachtungen). Die Welt ist hier zu Gast. Die Welt ist da aber mittlerweile auch zu Hause: Auf dem schnurgeraden Kilometer von der Schlosskirche zum Lutherhaus geht es vorbei am Sushi-Restaurant Hanami, dem Eiscafé Venezia und dem Super-Döner.
Sobald man in einen der zahlreichen Seitenhöfe reinschaut, kann es sein, dass einem Martin Luther begegnet: Touristenführer mit Doktorhut und in schwarzem Mantel schleusen Ausländer von einer Luther-Gedenkstätte zur nächsten.
So gewandet hat der Kunstmaler Lucas Cranach der Ältere den Freund und Reformator ab 1528 mehrfach für die Ewigkeit festgehalten. Als neue touristische Attraktion steht am oberen Ende der Altstadt ein Rundbau mit einem 15 mal 75 Meter grossen 360-Grad-Rundbild des österreichischen Panoramakünstlers Yadegar Asisi. Er beansprucht mit seiner Darstellung des damaligen Wittenbergs keine historische Wahrheit. Vielmehr will er die Besucher auf eine Zeitreise mitnehmen, die sich mit allen Sinnen erfahren lässt.
«Luther 1517» ist noch bis 2021 geöffnet - dann jährt sich Luthers deutsche Bibelübersetzung zum 500. Mal. Diese hatte er damals versteckt als Junker Jörg in der Wartburg oberhalb der thüringischen Stadt Eisenach begonnen. Wie die Luthergedenkstätten in Wittenberg und Eisleben ist auch die Wartburg mit Unesco-Geldern herausgepützelt worden und steht seit den 1990er-Jahren auf der Liste des Weltkulturerbes.
Anfang und Ende von Luther vereinigen sich in Eisleben. 1546 reist er - obwohl herzkrank - mit seinen drei Söhnen von Wittenberg in seine Geburtsstadt, um einen Erbstreit der Grafen von Mansfeld zu schlichten. Das Vorhaben gelingt, doch einen Tag später ereilt ihn der Tod. Bis zum Schluss hält er am früher geäusserten Glaubenssatz fest: «Die wahre Vorbereitung auf den Tod ist es zu wissen, dass der Tod, die Sünde, die Hölle und der Satan im gekreuzigten Christus besiegt und zu Boden geschlagen sind.»
Weitere Jubiläen
Und weitere 500-Jahr-Festivitäten folgen Schlag auf Schlag, wie Friederike Süssig-Jeschor von Tourismus Sachsen-Anhalt weiss: 2020 Luthers Verbrennung der päpstlichen Verbannungsurkunde, 2021/22 die Bibelübersetzung und 2025 die Hochzeit mit Katharina von Bora. Zumindest der Touristenzustrom nach Ostdeutschland reisst nicht so schnell ab.
«Gewiss gehört zu seinem mittelalterlichen Erbe, dass der Teufel ihm stets eine greifbare Realität geblieben ist», sagt Kirchengeschichtler und Luther-Biograf Volker Leppin. «Genauso gehört zu seinem mittelalterlichen Erbe die Überzeugung, dass in, mit und unter den Elementen im Abendmahl Christus wahrhaft gegenwärtig ist.»
Eigentlich hat Zwingli Zürich erst 1519 reformiert, doch das Luther-Jubiläum zieht die hiesige evangelische Gemeinde schon jetzt in seinen Bann. Mit einer Plakatkampagne «Quer denken, frei denken, neu glauben» lancierte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund diesen Sommer das Jubiläum auch bei uns.
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