Die Currywurst, ein beliebtes Fast-Food-Gericht in Deutschland, blickt auf eine faszinierende Geschichte zurück. Wo die Currywurst vor über siebzig Jahren erfunden wurde, ist ein Streitpunkt zwischen zwei Städten. Sicher ist: Die Currywurst hat es weit gebracht. Zeit, sie zu würdigen.
Klar ist, die Currywurst ist im Nachkriegsdeutschland ein Stück unbelastetes Kulturgut geworden. Ob in Freiburg im Süden, in Hamburg im Norden. Ob in Duisburg, Jena oder Halle. Irgendwo zwischen Apotheke und Rossmann steht eine Bude, die für 3 Euro 50 die beste Currywurst der Stadt verkauft. Die Currywurst gehört zu deutschen Fussgängerzonen wie die Bäckerei, das Rathaus, die Zeugen Jehovas.
Die Currywurst wurde in Pop-Songs und in der Literatur gewürdigt. Politiker nutzen sie immer wieder als Chiffre für Volksnähe. Touristen, die nach den kulinarischen Schätzen der Bundesrepublik suchen, treibt sie bis heute das Blut in den Kopf. Etwa dann, wenn ihnen eine Portion der Schärfestufe 10 die Nasenschleimhaut punktiert.
Die Currywurst ist ein gutes Beispiel dafür, wie kulinarische Komponenten aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenfinden können und wie daraus etwas Neues entsteht.
Die Currywurst | Karambolage | ARTE
Die Berliner Version: Herta Heuwer und das Wirtschaftswunder
Viele Menschen sind sich sicher: Die Currywurst kommt aus Berlin und ist Ende der fünfziger Jahre entstanden. Am 4. September 1949 hat Herta Heuwer, eine Berliner Imbissbetreiberin, die Currywurst erfunden. So lautet die geläufigste Version der Geschichte.

Currywurst mit Pommes
Angefangen hat alles ganz unscheinbar. Der 4. September 1949 war ein regnerischer Sonntag. Herta Heuwer langweilte sich, denn wegen des schlechten Wetters blieb ihre Kundschaft zu Hause. Dann, so erzählt man es sich in Berlin, regte sich plötzlich Heuwers Pioniergeist.
Heuwer experimentierte, ganz im Geist des anbrechenden Wirtschaftswunders und der neu eingeführten Marktwirtschaft, mit dem, was sie in ihrer Bude fand. Sie mischte Gewürze, Worcestershire-Sauce, Tomatenmark und - natürlich - Currypulver. Dann vermengte sie alles und goss das Gemisch über eine zerteilte Brühwurst.
Andere widersprechen und sagen, Heuwer habe improvisieren müssen, weil ihr der Senf ausgegangen sei. Gesichert ist: 1959 meldete Heuwer ihre Sauce zum Patent an.
Der Einfluss der Währungsreform
Doch möglich wurde das erst durch die Währungsreform im Juni 1948. Damals wurde in der Westzone, der späteren BRD, die D-Mark eingeführt. Die Reform war die entscheidende Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit. Die Leute konnten sich wieder etwas leisten. Importprodukte wie Currypulver wurden erschwinglich. Erst diese Konjunktur ermöglichte es, dass die BRD, genau wie ihre neuen Verbündeten, eine eigene Fast-Food-Spezialität erhielt.
Die Hamburger These: Uwe Timm und Lena Brücker
Uwe Timm erzählt uns eine andere Geschichte! Sie beginnt kurz vor Kriegsende 1945 in Hamburg. In Erinnerung an seine Kindheit macht sich der Erzähler auf die Suche nach der ehemaligen Besitzerin einer Imbissbude am Hamburger Großneumarkt. Er findet die hochbetagte Lena Brücker in einem Altersheim und erfährt die Geschichte ihrer »schönsten Jahre« und wie es zur Entdeckung der Currywurst kam. Der Bogen spannt sich weit zurück in die letzten Apriltage des Jahres 1945 ...
Jahrzehnte später wurde allerdings eine Geschichte populär, die Heuwers Beitrag zum Kulturerbe der BRD infrage stellte. 1993 veröffentlichte der Schriftsteller Uwe Timm eine Novelle mit dem Titel «Die Entdeckung der Currywurst». Darin beschreibt der Autor, wie eine alleinerziehende Mutter eher zufällig die Kombination von Ketchup und Curry entdeckt, daraus das Rezept für die Currywurst entwickelt und ihren Kindern und sich selbst dadurch ein Einkommen sichert.
Diese Novelle ist zwar Fiktion, der Autor aber behauptete stets, er habe bereits 1947 an einer Hamburger Imbissbude Currywurst gegessen. Vermutlich hat die Inhaberin als Vorlage für die Hauptfigur seiner Novelle gedient.
Zumindest laut dem Buch «Die Entdeckung der Currywurst» von UweTimm hat Lena Brücker, eine Imbissbudenbesitzerin in Hamburg, die kulinarische Köstlichkeit erfunden. Die Entdeckung der Currywurst war nicht das Resultat eines geschickten Kochs oder einer experimentierfreudigen Hausfrau, sondern eines Zufalls, der mit einem irrwitzigen Tauschhandel Ende des zweiten Weltkrieges seinen Lauf nahm. Dabei tauschte eine gewisse Lena Brücker ein Reiterabzeichen, Holz und Whiskey gegen einige Flaschen Ketchup, einige Würste und eine Dose Currypulver. Ihr Ziel: Am Grossneumarkt in Hamburg eine eigene Imbissbude auf die Beine zu stellen.

Currywurst Zubereitung
Currywurst als Spiegel der Gesellschaft
So oder so, die Currywurst ist ein Gericht, das in die frühe Nachkriegszeit und zur Westbindung der BRD passte. Amerika hatte Cheeseburger, die Briten Fish’n’Chips. Und die BRD?
Typisch deutsche Gerichte wie Klösse oder Königsberger Klopse schmeckten vier Jahre nach Kriegsende zu preussisch, zu grossdeutsch. Und sie taugten nicht als Fingerfood. Da kam die Currywurst genau richtig.
Seit damals ist um die Currywurst ein Kult entstanden. Beigetragen haben Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Politiker. So wurde die Novelle von Uwe Timm nach ihrer Veröffentlichung als Theaterstück adaptiert. Später sogar verfilmt.
Um einiges bekannter ist der Pop-Song «Currywurst», den Herbert Grönemeyer 1982 veröffentlichte. Geschrieben haben den Text zum Song zwar zwei Freunde Grönemeyers, doch durch seine Interpretation wurde die Currywurst endgültig zum Markenzeichen der einfachen Leute, der Arbeiter, der Pott-Originale.
Vielleicht macht gerade die Einfachheit den Erfolg der Currywurst aus. Sie kennt keinen Schnickschnack. Man bekommt, was man bestellt. Die Currywurst riecht nach Schweiss, Bratfett, ehrlicher Arbeit, dem sogenannten Bodensatz der Gesellschaft.
Für Politiker ist die Currywurst deshalb zu einem beliebten Vehikel geworden, wenn es darum geht, die Distanz zwischen ihnen und ihren Wählerinnen und Wählern zu verringern. Wer auf Wahlkampfveranstaltungen eine Currywurst isst, schaut auch, dass ein Fotograf dabei ist.
Der vorläufige Höhepunkt dieser politischen Instrumentalisierung erfolgte, als sich Bundeskanzler Olaf Scholz 2021 im Wahlkampf um die Kanzlerschaft befand. Auf die Frage, ob er lieber Bio-Currywurst oder Veggie-Burger von McDonald’s habe, sagte Scholz: «SPD ist Currywurst.»
Auch das Fernsehen hat von der Beliebtheit der Currywurst profitiert. Fast dreissig Jahre lang kam die Currywurst in der Krimiserie «Tatort» zu prominenten Auftritten. Denn die Kölner «Tatort»-Kommissare Ballauf und Schenk pflegten nach einem gelösten Fall ein Ritual.
Oft, kurz vor Ende der Folge, gingen sie zu einer Imbissbude am Rheinufer. Dort bestellten sie zwei Bier und zwei Portionen Currywurst. Sie nippten am Kölsch, kauten, schmatzten. Gleichzeitig rekapitulierten sie für das Fernsehpublikum die vergangenen anderthalb Stunden und fügten ihre Erkenntnisse zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen.
Mit Currywurst im Mund stellten Ballauf und Schenk die Gerechtigkeit in bundesdeutschen Wohnzimmern wieder her.
| Theorie | Ort | Hauptakteur | Jahr |
|---|---|---|---|
| Berliner Erfindung | Berlin | Herta Heuwer | 1949 |
| Hamburger Ursprung | Hamburg | Lena Brücker (laut Uwe Timm) | 1947 (ungefähr) |
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