Seit eh und je streiten die Italiener um die Teigrondelle. Doch nun wird es politisch. Die Frage, wie teuer sie sein darf, sorgt für Zündstoff.

Wie demokratisch muss Pizza sein? In Neapel eine Kulturfrage. (Foto: iStockphoto, Getty Images)
Der Fall Domino's Pizza in Italien
Bei Domino’s Pizza, einem Weltkonzern aus Amerika, gegründet 1960, dachte man vor einigen Jahren, dass es tatsächlich eine gute Idee sein könnte, das Business auch auf Italien auszuweiten, Mutterland und Hochamt der Pizza. Der Konzern blieb bei 33 stecken, nun werden auch die dichtgemacht, und die Italiener fragen: «Domino’s?»
Der Flop war, um es mal nett zu sagen, einigermassen vorhersehbar. Er steckte schon im Gedanken. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass Ananas auf keine Pizza gehört, wenigstens nicht in Italien. Es lag auch nicht vordringlich am Teig, obschon die schwere, industrielle Pappe natürlich gar nicht geht.
Domino’s scheiterte am Elementarsten: an der Kultur. Am Herzen, wie die Neapolitaner sagen würden.
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Wem gehört die Pizza?
Die Pizza löst in Italien selbst schon genügend Kulturkämpfe aus, virulente, sie werden mit heiligem Furor gefochten, da braucht man die Amerikaner nicht dazu.
Immer Holzofen? Oder geht auch Elektro? Und da es ja eh Holzofen sein muss: nur Buche und Eiche? Wie lange soll der Teig aufgehen, bevor er in den Ofen kommt - 24 Stunden, 36 Stunden oder gar noch länger?
Gerade wird die kulturhistorisch und gesellschaftspolitisch durchaus relevante Frage verhandelt, ob die Pizza immer und grundsätzlich dem Volk gehöre, und damit ist vor allem das kleine Volk gemeint, ob sie also für alle erschwinglich sein muss, wie sie es immer war. Oder ob es vielleicht statthaft sei, dass eine Pizza auch mal so viel kostet, dass sie sich nur Reiche leisten können. Pizza popolare vs. Pizza di lusso.
Der grosse Zoff um die Pizza im italienischen Fernsehen
Neulich am italienischen Fernsehen, RAI 1, beste Sendezeit. Bruno Vespa, der ewige Talkmaster von «Porta a porta», in Italien auch als «dritte Parlamentskammer» bekannt, weil da nicht selten das Schicksal der Republik entschieden wird, eröffnet das Programm mit einer Prämisse. «Buonasera», sagt er und reibt sich die Hände, wie er das immer tut. «Auch heute werden wir uns mit der Politik beschäftigen, der Spaltung bei den Cinque Stelle, dem Krieg in der Ukraine, den Folgen der Trockenheit.» Zunächst aber gibt es jetzt die «grande rissa», den grossen Zoff um die Pizza, wie er es nennt. Politik, auch das.

Pizzaiolo Gino Sorbillo in der Sendung «Porta a Porta», im Hintergrund der Unternehmen Flavio Briatore (l.) (Foto: Massimo Di Vita (Mondadori Portfolio, Getty Images))
Die Kamera weitet den Blick auf drei Neapolitaner an einem Tisch im Studio, einer wird gleich mit ernstem Gesichtern eine Teigrondelle mit Tomaten aus San Marzano belegen, mit Fior di latte statt mit Büffelmozzarella, natürlich mit frischem Basilikum. Auf einem gigantischen Bildschirm hinter ihnen steht: «Die Pizza der Reichen und der Armen».
Flavio Briatore und die Luxus-Pizza
Briatore, muss man dazu wissen, ist hier eine kontroverse Figur. Erfolgreich als Unternehmer und ziemlich verzaubert von sich selbst, eine ständige Vorlage für wunderbare Parodien.
Seit kurzem macht er auch Pizza. In Rom hat sich Briatore an der Via Veneto eingemietet, der vielleicht teuersten Strasse der Stadt. Und da es bei ihm nie klein geht, prangt über dem Eingang eine Krone. Ein Imperium soll daraus werden, eine Kette, wie man sie in Italien noch nicht gesehen hat, möglichst international dazu.
Zu reden gab, dass auf Briatores Karte auch eine Pizza für 65 Euro steht. Klar, sie kommt mit Pata negra, dem teuren Schinken vom schwarzen Schwein aus Spanien - aber eben doch: crazy. Eine Provokation, fanden sie in Neapel, wo die Pizza Margherita, die bescheidene Königin der Pizzen, vier oder fünf Euro kostet, die üppiger belegten zehn, allerhöchstens zwölf Euro.
Man erinnerte Briatore daran, dass der Preis entscheidend sei, aus moralischen Gründen. Briatore gab zurück, bei vier, fünf Euro können die Zutaten nur von spärlicher, billiger Qualität sein. «Jungs in Neapel, ihr seid ja nur neidisch, aber ich liebe euch: Ihr macht fantastische Werbung für mich. Ich bin ein Genie, ihr nicht», sagte er.
Briatore gegen Neapel, der Zoff wurde ernst: Kopf gegen Herz.
Die Tradition der Pizza "Oggi e otto"
In Neapel, wo sie die Pizza erfunden haben, gab es lange die Tradition der Pizza «Oggi e otto», wörtlich: heute und acht. Es gab sie eben auch, wenn man gerade kein Geld hatte, meist war es die frittierte, bezahlen konnte man dann binnen acht Tagen.
In Neapel gab es eine Zeit, da assen die Menschen Pizza unter der Woche, jeden Tag, damit für Sonntag genug Geld blieb für Pasta. Natürlich, das ist eine Weile her, doch das Konzept der «Oggi e otto» wird gerade neu aufgelegt, weil es nötig ist, die Krise macht viele ärmer.
Innovationen und Zutaten
Die Pizza erlebt unterdessen tausend Innovationsschübe, mit allem wird experimentiert: mit dem Mehl, der Hefe, der Gärzeit, der Feuchtigkeit des Teigs. Mit den Zutaten natürlich, wenn möglich alles Kilometer 0 oder zumindest italienisch: Kapern aus Salina, Zwiebeln aus Tropea, Sardellen aus Trapani, Oregano von den Monti Lattari, Tomaten vom Abhang des Vesuvs.
Domino's Pizza: Ein Flop mit Ansage
Domino’s Pizza nach Italien zu bringen, war ungefähr so sinnvoll, wie am Nordpol Schnee zu verkaufen.

Ohne Erfolg: Geschlossene Pizzeria der Kette Domino’s in Rom. (Foto: Getty Images)
Die besten Pizzabäcker im Land sind Rockstars, sie tragen Kochkutten wie Sterneköche, ihren Namen auf der Brust; der beste heisst Francesco Martucci. Seine Pizzeria I Masanielli in Caserta bei Neapel ist im massgeblichen Ranking, dem «50 Top Pizza», schon zum vierten Mal in Folge zur Nummer 1 gewählt worden. Die Preise? Von 6 bis 16 Euro, auf seiner teuersten Pizza liegt Trüffel. Wenn das Ranking jeweils erscheint, steht es in allen Zeitungen.
In dieser Welt ist Domino’s Pizza gelandet, auf einem eigenen Planeten also. Das konnte nicht gut gehen.
Und die Italiener mögen keine Ketten, das müsste man vielleicht auch Briatore sagen. Alle haben hier ihre liebste Pizzeria, auf die man stolz ist. Meistens ist es die unten an der Strasse, wo man wohnt, da kennt man den Pizzaiolo.
Domino’s klagte, ihre App sei in Italien zuletzt nicht mehr heruntergeladen worden. Die Italiener hätten ihre Bestellungen vor Ort machen wollen, oder sie hätten telefoniert. Der menschliche Kontakt, er ist die halbe Pizza. Auch darüber hätte man mal eine Sitzung machen können, bevor man das Mutterland anpeilte.
In den sozialen Medien schrieb jemand: «Domino’s Pizza nach Italien zu bringen, war ungefähr so sinnvoll, wie am Nordpol Schnee zu verkaufen.»
Weitere Kuriositäten und Aufreger rund um die Pizza
Pizza Hawaii: Schmerzensgeld für den Pizzaiolo
Eine Pizzeria in Rom verlangt 100 Euro für eine Pizza Hawaii, quasi als Schmerzensgeld für den Pizzaiolo. Für die klassischen Varianten verrechnet die Pizzeria für Rom verhältnismässig normale Preise: 7,50 Euro für eine Margherita und 10,50 Euro für die Quattro Formaggi.
Zuschläge und Gebühren
In der Schweiz und Italien sorgen Restaurants immer wieder für rote Köpfe mit happigen Preisen und kuriosen Gebühren:
- Ein Zuschlag von 5 Franken für geteilte Pizza in einer Luzerner Pizzeria.
- 50 Cent extra für Pfeffer auf der Pizza in Bari.
- 1,50 Euro Zuschlag für eine Pizza ohne Tomaten.
- 2 Euro für geschnittenen Toast am Comer See.
Qualitätsmängel und Lieferschwierigkeiten
Auch bei Lieferdiensten gibt es Probleme:
- Kalte und vertrocknete Pizza nach langer Wartezeit.
- Falsche Lieferadressen.
- Fehlende Zutaten oder Beilagen.
- Unfreundliche Lieferanten.
Preisvergleich beliebter Pizza-Varianten
Die folgende Tabelle zeigt einen Preisvergleich für beliebte Pizza-Varianten in verschiedenen Regionen Italiens:
| Pizza-Variante | Durchschnittlicher Preis in Neapel | Durchschnittlicher Preis in Rom | Durchschnittlicher Preis in Mailand |
|---|---|---|---|
| Margherita | 4 - 5 Euro | 7,50 Euro | 9 - 10 Euro |
| Salami | 6 - 7 Euro | 9 - 11 Euro | 11 - 13 Euro |
| Quattro Formaggi | 8 - 9 Euro | 10,50 Euro | 12 - 14 Euro |
| Pizza mit Trüffel (z.B. bei I Masanielli) | - | - | 16 Euro |