Nandus in Mecklenburg-Vorpommern: Eine Erfolgsgeschichte mit Herausforderungen

Nandus aus Südamerika scheinen sich in Norddeutschland wohlzufühlen. Seit einige Tiere vor 15 Jahren aus einem Gehege bei Lübeck ausbrachen, wächst die wilde Population stetig.

Seltsame grosse, graue Vögel mit langem Hals und langen Beinen staksen über die Felder der sanfthügeligen norddeutschen Landschaft. Wer Nandus in freier Wildbahn beobachten will, kann sich das Flugticket nach Südamerika sparen, denn im Norden Deutschlands fühlen sich über 100 wildlebende Nandus wohl.

Ihre Anwesenheit ist jedoch nicht unumstritten. Dieser Artikel beleuchtet die Situation der Nandus in Mecklenburg-Vorpommern, ihre Lebensweise, ihre Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die verschiedenen Meinungen über ihren Bestand.

Verbreitung der Nandus in Südamerika

Die Ausbreitung der Nandus in Norddeutschland

Die Tiere haben seither eine stabile, wild lebende Population in Nordwestmecklenburg gebildet. Jetzt vergrössern die straussenähnlichen Laufvögel ihren Lebensraum in Richtung Osten, sagte Frank Philipp, der im Auftrag des Schweriner Umweltministeriums seit 2008 die Nandus in Mecklenburg beobachtet.

Bei der jüngsten Zählung wurde ein leichter Zuwachs der Population ermittelt. In einem etwa 150 Quadratkilometer grossen Kerngebiet lebten aktuell mehr als 100 Tiere. Nandus (Rhea americana) bevorzugen die offene Landschaft und ernähren sich von frischem Grün auf Feldern und Wiesen.

Laut dem Schweriner Umweltministerium ist es die einzige bekannte Population in Mitteleuropa, die sich nach Ausbrüchen aus Gehegen etablieren konnte.

Die Zählung der Nandus

Mitte März wurden insgesamt 131 Tiere gezählt, wie das Landwirtschaftsministerium in Schwerin mitteilte. Im vergangenen Herbst waren insgesamt 121 Tiere registriert worden. In den vergangenen Jahren waren zeitweise mehr als 500 Vögel gezählt worden.

Seit einiger Zeit seien die Nandus deutlich scheuer, was die Zählung erschwere. Im vergangenen Herbst lebten in Nordwestmecklenburg 244 Tiere, darunter 148 Altvögel, 33 Jungvögel und 63 weitere Tiere, bei denen sich Alter und Geschlecht nicht sicher feststellen liessen.

Vor einem Jahr habe der Bestand noch bei 155 Alt- und 91 Jungvögeln sowie 20 weiteren Tieren gelegen.

Nandus auf einem Feld in Mecklenburg-Vorpommern

Die Lebensweise der Nandus

Nandus sind Straussvögel, die eigentlich in Südamerika beheimatet und flugunfähig sind. Als flugunfähiger Vogel besitzt der Nandu stark ausgebildete Beine, welche ihm sehr schnelles Laufen ermöglichen. Er wird somit auch zu den Laufvögeln gezählt.

Er kann eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 60 km/h erreichen. Das Gefieder der Laufvögel liegt nicht sehr dicht und kompakt am Körper.

Sie lieben die offene Landschaft und sind wenig scheu. Der Spaziergänger kommt ihnen näher als einem Reh. Sie ernähren sich in der Regel von Gras, Blättern und Samen. Frösche oder Mäuse gelangen nur selten auf ihren Speiseplan. Um zu wachsen, benötigen sie viel Eiweiss. Dies decken sie über pflanzliche Kost.

In den vergangenen milden Wintern habe es kaum Verluste gegeben. Die bis zu 1,40 Meter grossen, grauen Laufvögel werden in Deutschland von Liebhabern gezüchtet. Gejagt werden dürfen sie nicht.

Die Landwirtschaft fördere das Überleben der Nandus durch den grossflächigen Rapsanbau. Raps wird im Herbst gesät und geht vor dem Winter auf. Das biete den Tieren ideale Voraussetzungen, um gut über die kalte Zeit zu kommen.

Natürliche Feinde hat der erwachsene Nandu in Deutschland nicht. Lediglich die Küken und Jungtiere können Opfer von Füchsen und Seeadlern werden. Von Autos werden jährlich ein bis drei Tiere überfahren.

Mit einer reichen Brut sorgt der Nandu dafür, dass die Verluste nicht zu sehr ins Gewicht fallen. Einen Hahn begleiten stets mehrere Hennen.

Südamerikanischer Zwergstrauß in Deutschland auf dem Vormarsch | Fokus Europa

Konflikte mit der Landwirtschaft

Die Anwesenheit der Vögel ist nicht unumstritten. So gibt es innerhalb des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) unterschiedliche Ansichten darüber, ob man sie akzeptieren oder den Bestand dezimieren sollte, wie die Sprecherin des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Heberer, sagte.

Die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Nordwestmecklenburg, Petra Böttcher, sieht in der Ausbreitung der flugunfähigen Laufvögel ein wachsendes Problem. «Sie beissen gerne die Rapsblüten ab und zertreten sie auch», sagt sie. Die Pflanze trage dann keine Früchte.

Wo viele Nandus seien, entstehe grosser Schaden. Die Bauern fordern, die Population reduzieren zu dürfen, wenn sie überhand nimmt. Ausserdem sollten die Tiere in den Katalog der Wildschadenskasse aufgenommen werden.

«Wenn Wildschweine das Feld umwühlen, kann ein Landwirt Schadenersatz bekommen», sagt Böttcher. Bei Schäden durch Nandus gebe es nichts. Nandus sind kein jagdbares Wild, sondern stehen auf der Artenschutzliste. «Man darf sie nicht einmal verscheuchen, sondern muss sie auf dem Acker dulden.»

Wissenschaftler Philipp kann den Ärger nicht nachvollziehen. Die Schäden seien gering, sagt er. «40 Nandus fressen so viel wie eine Kuh.» Bislang haben die verwilderten Nandus laut dem Forscher keine nennenswerten Schäden in der Landwirtschaft angerichtet.

Allerdings beklagen die örtlichen Bauern seit Jahren, dass die Nandus Raps- und Zuckerrübenblätter in grossem Stil abfressen und so Schaden anrichten. Die Rapsfelder sind für die Nandus ein Schlaraffenland. Vor allem im Winter fressen sie innert kürzester Zeit ein Feld kahl.

So auch bei Landwirt Hans-Friedrich Grube aus Utecht. Wie «Neues Deutschland» schreibt, haben die Vögel auf seinem Feld einen Schaden von 30'000 Euro verursacht. Da Nandus nicht als einheimische Vögel gelten, gibt es vom Bundesland keinen finanziellen Ausgleich.

Massnahmen zur Bestandsregulierung

Seit April 2020 dürfen die Tiere gejagt werden. Ziel ist die Vermeidung landwirtschaftlicher Schäden. Zugleich soll die Population wegen der Einstufung der Art als potenziell invasiv «in überschaubarer Dimension» bleiben, wie Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) erklärte. Dies konnte offenbar erreicht werden.

Wegen der von Nandus verursachten Schäden auf landwirtschaftlichen Kulturflächen sei allerdings in diesem Jahr nach einem Antrag des Kreisbauernverbandes Nordwestmecklenburg mit Ausnahmegenehmigung des Biosphärenreservatsamtes als untere Naturschutzbehörde das Anbohren von Eiern vorgenommen worden. Bis Mitte Mai habe man 118 Eier in neun Gelegen zerstört.

Die Nester seien von den brütenden Hähnen verlassen worden, sagte Petra Böttcher vom Kreisbauernverband Nordwestmecklenburg. Damit sei die Idee, dass die Tiere das Anbohren der Eier nicht bemerken und weiter brüten, nicht aufgegangen. Die Nandus könnten nun neue, gut versteckte Nester anlegen und diese Brut grossziehen.

Merkmal Information
Ursprüngliche Herkunft Südamerika
Population in Nordwestmecklenburg 244 Tiere (Stand Herbstzählung)
Hauptnahrung Gras, Blätter, Samen, Raps
Konflikte Schäden an landwirtschaftlichen Kulturflächen
Massnahmen Bejagung, Anbohren von Eiern

Tourismuspotential

Dass bislang niemand das touristische Potenzial abschöpft, das die langbeinigen Kreaturen mit den gebogenen Hälsen mitgebracht haben, verwundert. Noch ist man sich offenbar nicht so ganz einig, wie man mit dem Federvieh umgehen soll.

Wird es irgendwann doch die Ernte oder gar heimische Arten bedrohen? Oder sind die straussenähnlichen Exoten eine lukrative Attraktion? Regelmässige Angebote in dieser Richtung gibt es bislang nicht.

Wer dem Laufvogel begegnen möchte, sollte sich rund um den Ort Niendorf auf Wanderschaft begeben. Dort sind die Tiere mit recht hoher Wahrscheinlichkeit anzutreffen.

tags: #nandus #in #meck #pomm