Die Frage, warum Muslime kein Schweinefleisch essen, ist vielschichtig und berührt religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Aspekte. Im Kern steht ein Verbot, das im Koran verankert ist und für gläubige Muslime bindend ist.

Islamische Speisegesetze (Halal und Haram)
Religiöse Gründe: Das Verbot im Koran
Ja, der Islam verbietet den Muslimen den Verzehr von Schweinefleisch. Muslime essen also kein Schweinefleisch, weil Gott es durch den Quran verboten hat. «Muslime essen kein Schweinefleisch, weil dies an fünf Stellen im Koran so festgehalten wird», sagt Önder Günes, Mediensprecher der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids) auf Anfrage. Dort [5, 3] heisst es: “Verboten ist euch das Verendete sowie Blut und Schweinefleisch.” Da der Muslim sich Allahs Geboten unterwirft, ist das Verbot für ihn bindend. Zudem ist im Islam alles, was zu einem verbotenen Handeln führt, auch verboten (haram). Beispiel: Verkauf von Alkohol, finanzielle Unterstützung eines unislamischen Gewerbes, Missachten der Kleidervorschriften, etc.
Es gibt immer wieder Versuche, das Verbot naturwissenschaftlich zu untermauern, indem beispielsweise medizinische oder hygienische Gründe bemüht werden. Letztendlich gibt das ausdrückliche Verbot durch den Quran den Ausschlag.
Gesundheitliche Aspekte und persönliche Überzeugung
Laut Günes ist das Verbot aber auch ohne religiöse Gründe sinnvoll. «Wir wissen heute, dass Schweinefleisch ein höheres Gesundheitsrisiko darstellt als andere Fleischarten», sagt er. Nach Einschätzung des Fids-Mediensprechers halten sich die «allermeisten Muslime» an diese Vorschrift. Das prüfe aber niemand, und jeder halte es so, wie es für ihn stimme, fügt er hinzu. Das Verbot ist nach Günes’ Ansicht relativ einfach einzuhalten, weil es beim Fleisch Alternativen gebe. Da es aber auch Lebensmittelzusätze aus Schweinefleisch gibt, prüfen Muslime die Inhaltsstoffe auf den Verpackungen. Zudem dürfe man sich in Restaurants nicht genieren, nachzufragen, ob das bestellte Essen tatsächlich ohne Schweinefleisch sei.
Umgang mit dem Verbot im Alltag
Macht schlechte Tierhaltung das Fleisch Haram? Ist Fleisch Halal, wenn es schlecht gehalten wurde?
Die Tatsache, dass die Mehrheitsgesellschaft in der Schweiz Schweinefleisch isst, störe die Muslime nicht, sagt Günes.
Allerdings wünschen sich Muslime klare Angaben auf Lebensmittelverpackungen. Menschen, die aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch verzichten, würden klarere Angaben sicherlich begrüssen, sagt Memeti. Das gelte nicht nur für Muslime, sondern auch für Juden. Beispielsweise wäre es wünschenswert, wenn der Schweinefleischgehalt bei Kalbprodukten «nicht nur im Kleingedruckten» angegeben wird. Stattdessen soll diese Information bereits «im Namen oder sonst wo übersichtlich auf der Verpackung» zu finden sein.
Kennzeichnung von Produkten
Klar ist: Die grossen Detailhändler wie Coop und Migros haben eine besondere Verantwortung. Coop betont gegenüber Nau.ch zunächst, dass man sich in jedem Fall an die gesetzlichen Bestimmungen halte. Mediensprecherin Sina Gebel führt aus: «Bei Frischfleisch handelt es sich in der Regel um Monoprodukte, die jeweils mit dem Gattungssymbol gekennzeichnet sind.» Bei den anderen Produkten setzt man auf ein Piktogramm mit dem Zusatz «ohne Schweinefleisch», falls kein Schwein drin ist. «Darüber hinaus wird im Verzeichnis der Zutaten über die Zusammensetzung des Produktes informiert», so Gebel weiter. Auch Migros betont gegenüber Nau.ch: «Uns ist es sogar sehr wichtig, dass alle unsere Kundinnen und Kunden Informationen zu allen Produkten in unseren Regalen erhalten.» Alle Inhaltsstoffe und weitere Produktinformationen seien stets angegeben, so Mediensprecherin Carmen Hefti.

Halal-Symbol
Um über die Art des Fleisches zu informieren, nutzt die Migros Piktogramme. Das Beispiel der Kalbsbratwurst zeigt: Wenn diese nur aus Kalb besteht, ist das Zeichen des Kalbs sowie die Markierung «100 Prozent Kalb» darauf. Ist auch Schwein darin enthalten, dann sieht man auf der Verpackung ein Kalb und ein Schwein.
Die Rolle von Tradition und Kultur
Ina und Peter Heine betonen, dass es den Islam nicht gibt. Er existiere in vielen Formen und Traditionen, von Marokko oder Senegal bis Indonesien. Wie wirken sich diese Veränderungen im Islam im Alltag zum Beispiel in der Kulinarik aus? «Bei Essensvorschriften gibt es keine Veränderungen. Schweinefleisch ist verboten, fertig», erklärt Peter Heine. Schweinefleisch kenne man nicht, und die Menschen fänden es eklig. Andere Menschen ekelten sich halt vor Katzen-, Hunde- oder Affenfleisch.
Schweinefleisch-Debatte im gesellschaftlichen Kontext
Die aktuelle Schweinefleisch-Diskussion beim Deutschen Fussballbund (DFB) ist nur ein Beispiel von vielen für eine weitreichende Entwicklung. DFB-Koch André Göldner erklärte gegenüber der Bild-Zeitung, warum bei der U21-Auswahlmannschaft kein Schweinefleisch serviert wird: „Wir verzichten auf gewisse Produkte, wie zum Beispiel Schweinefleisch, wegen der Wertigkeit des Fleisches. Was hier als „Rücksichtnahme auf religiöse Bedürfnisse“ verkauft wird, ist de facto eine schleichende Anpassung an islamische Speisevorschriften. Die Mehrheitsgesellschaft, für die Schweinefleisch ein kulinarischer und kultureller Grundpfeiler ist, wird stillschweigend übergangen.
Verzicht auf Schweinefleisch in öffentlichen Einrichtungen
Die Forderungen des Islam haben längst unsere Kindergärten und Schulen erreicht. Aus Rücksicht auf muslimische Kinder verzichten immer mehr Kindergärten und Schulen u.a. auf Weihnachtsfeste oder Schweinefleisch. So gibt es in der Schweiz beispielsweise die Handreichung der Direktion für Erziehung, Kultur und Sport in Form von Empfehlungen und Hinweisen für Lehrpersonen und Schulbehörden zum Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt. Auch das Schweinefleisch verschwindet peu à peu von den Speiseplänen vieler Schulen, Kindergärten und Kitas. Dabei wird oft für eine Achtung der „religiöse Besonderheiten“ geworben.
Jüdische Perspektive auf Speisevorschriften
«Bei uns geht es nicht nur ums Verbot von Schweinefleisch», sagt Ruth Gellis, Projektverantwortliche für Interreligiösen Dialog bei der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Der Fleischverzehr wurde gemäss Gellis von Gott nach der grossen Flut und der Rettung in der Arche Noah geregelt. Gott habe also den Menschen die Auflage gemacht, sie dürften alle Tiere essen, die gespaltene Hufen hätten und Wiederkäuer seien, so Gellis. Die anderen hingegen nicht. Das Schwein ist zwar ein Paarhufer, aber kein Wiederkäuer, darf also von Juden nicht gegessen werden.
Koscheres Fleisch und Schächtverbot
Nicht mit dem Schweinefleischverbot haben die Juden Probleme, sondern mit dem Schächtverbot, erklärt die ICZ-Mitarbeiterin. «Weil das Schächten in der Schweiz seit Ende 19. Jahrhundert verboten ist, müssen wir unser Fleisch importieren», sagt Gellis. Der SIG habe immer wieder Vorstösse gemacht, damit das Schächtverbot aufgehoben werde, bisher erfolglos, bedauert Gellis.
| Fleischart | Verbrauch pro Kopf |
|---|---|
| Schweinefleisch | 28,4 kg |
| Geflügel | 13,6 kg |
| Rindfleisch | 9,3 kg |
tags: #islam #kein #schweinefleisch