Diese Reise ist geprägt von vielfältigen Erlebnissen, von denen ich berichten möchte. Sie führt mich von Thailand nach Kambodscha und zurück, voller unerwarteter Begegnungen, kultureller Einblicke und persönlicher Reflexionen.

Ankunft in Kambodscha und erste Begegnungen
Meine Zeit in Kambodscha ist leider abgelaufen: ich fliege heute zurück nach Bangkok. Zu gerne wäre ich mit Kanita, Housi, Marianne und Züsle weitergereist. Vor allem die Schiffahrt von Battambang nach Siem Reap hätte ich liebend gerne nochmals mitgemacht. Die vier sind mir schon nach kurzer Zeit ans Herz gewachsen.
Housis Partnerin Kanita begegnet ihrer Schwägerin in spe, Marianne (Mitte), die heute mit ihrer Kollegin Züsle (rechts) aus der Schweiz angereist ist, zum erstenmal. Gesehen haben sie sich zwar wenige Male per Skype. Die Aufregung ist beiderseits gross - Marianne hat Kanita ein Präsent aus Europa mitgebracht, wie es sich gehört: ein wunderschönes Kleinod von Swarowski. Natürlich wird das Geschenk sofort um den Hals gehängt und bestaunt. Kanita ihrerseits hat die beiden Neuankommenden zuvor mit zwei herrlich duftenden Blumenkränzen aus Jasminblüten beehrt.
Danach ist ein Besuch des königlichen Tempels angesagt. In zwei Gebetsnischen kniet Kanita nieder, betet kurz und besprüht dann neben den wachenden Mönchen je eine Buddha-Skulptur mit Parfüm. Der Wohlgeruch tue Buddha gut - und somit auch ihrer Seele, beantwortet sie meine verwunderte Frage nach dem Warum.
Das Naturphänomen des Tonle Sap
In Phnom Penh fliessen Tonle Sap (vorne) und Mekong (hinten) zusammen. Das ist an sich noch nicht spektakulär. Auch nicht, dass im Scheitelpunkt dieses Zusammenflusses ein hässliches 5-Sterne-Hotel trutzt. Allerdings ist im Juni hier ein weltweit einzigartiges Naturphänomen zu beobachten: Der Tonle Sap ändert seine Fliessrichtung!
Weil der Mekong zu dieser Zeit wegen der Schneeschmelze im Himalaya und heftigen Monsunregen viermal mehr Wasser führt als in der übrigen Zeit, fliesst sein Wasser bei Phnom Penh in den Flusslauf des Tonle Sap zurück und füllt dessen riesigen See in Kambodschas Hinterland. Seine Fläche vergrössert sich dabei von 2'600qkm auf 10'400qkm. Die Seetiefe steigt von zirka 2-3m auf fast 14m an. Ab November fliesst das Wasser aus dem See dann wieder zurück in den Mekong. Dieser Wechsel hat nun bereits stattgefunden, früher als sonst.
Tausende von Fischerfamilien und Bauern haben sich diesem Spiel der Natur über Jahrhunderte angepasst und profitieren davon. Der See flutet regelmässig die Felder der Reisbauern und hinterlässt nach seinem Abschwellen nährstoffreichen Schlamm. Der Tonle-Sap-See hat lange Jahre als eines der fischreichsten Gewässer der Erde gegolten - heute ist jedoch ein Kollaps des Oekosystems zu befürchten; Verschmutzung und industrielle Ueberfischung leisten dem tagtäglich Vorschub. Vermutlich wird künftig der Wechsel der Laufrichtung des Tonle Sap nicht mehr zu beobachten sein...
Wiedersehen und kulinarische Genüsse
Der andere Lichtblick: Kollege Housi und Partnerin Kanita sind heute aus Sihanoukville in Phnom Penh eingetroffen, wohnen aber nicht im selben Hotel wie ich. Die Kommunikation zwischen uns ist etwas schwierig wegen meiner verbockten SIM-Karten. Trotzdem schaffen wir es, uns zum frugalen Znacht mit Tischgrill in einem Khmer-Restaurant zu treffen.
Heute habe ich mir in einem gemütlichen Strandbeizli wieder mal Tom Kha Gai, die berühmte thailändische Hühnersuppe mit Hühnerbouillon, Kokosmilch, geviertelten Pilzen, Hühnerfleisch, Zitronengras, Galgant, fein geschnittener Chilischote, Fischsauce, Palmzucker, Koriander, Zwiebeln und Kaffir-Limettenblättern, serviert in einer jungen Kokosnuss, bestellt und dabei meiner Arbeitskollegin Daniela zu Ehren gedacht. Das tun wir gegenseitig immer, wenn wir in Thailand unterwegs sind.
Missgeschicke und zufällige Begegnungen
Tubel, der ich bin! Während ich auf dem Flughafen von Phnom Penh auf mein Gepäck warte, will ich die Zeit nutzen, um in meinem Privathandy die SIM-Karten zu wechseln. Oeffne also die Schale, ziehe die thailändische SIM heraus und schiebe die kambodschanische rein. Immer das Gepäckband im Auge. Funktionstest: die kambodschanische SIM ist tot, wohl abgelaufen. Schiebe hastig die Thai-SIM in ein Schächtelchen - da kommt mein Koffer. Im Hotelzimmer will ich mein Handy wieder auf Thailand umrüsten - und mache eine furchtbare Entdeckung: die kleine SIM fehlt, von ihr ist nur noch das Adapterrähmchen da. Vermutlich ist mir der Winzling unbemerkt zu Boden gefallen. Mangelhaftes Multitasking also. Scheisse, Scheisse, Scheisse! Nummer weg, Kontakte weg. Bravo! Ab sofort bin ich also nur noch über mein CH-Handy erreichbar.
Gelangweilt warte ich im Flughafen von Siem Reap vor dem Check-In-Schalter nach Phnom Penh, da steuert plötzlich eine Frau mit einer andern im Schlepptau lachend auf mich zu und ruft: "Hey, da kennen i doch eine!" Monika Flückiger, eine Fotografin und Kollegin aus Bern! Zusammen mit Journalistin Nina (Tina?) hat sie für die Illustrierte in den letzten Tagen eine Repo über Beat Richners Spital gemacht und steht kurz vor dem Abflug nach Sihanoukville. Ich freue mich riesig über dieses zufällige Zusammentreffen, das allerdings nur kurz dauert. Wir können gerade mal bruchstückhafte Schilderungen von erfüllten und künftigen Plänen austauschen.
Der Sonnenaufgang in Angkor Wat
Morgens um 4 Uhr lasse ich mich vom Handy wecken. Vor dem Hotel wartet der abends zuvor organisierte Tuktuk Driver und bringt mich zum Angkor Wat, jenem Haupttempel der geheimnisvollen Stadt aus dem 11./12. Jahrhundert 20 Minuten ausserhalb von Siem Reap. Bei jedem Besuch von Angkor habe ich eigentlich vorgehabt, den legendären Sonnenaufgang hinter dem grössten Tempel der Welt miterleben zu dürfen. Nun schaffe ich es endlich und erfülle mir damit einen Traum. Nur bin ich nicht ganz allein - hunderte von Tuktuks karren Schaulustige an!
Hei, ist das ein Gedränge am Ufer des Sees davor. Und da wird fotografiert was das Zeug hält! Die Wetterbedingungen sind nicht ganz optimal, denn es hat zuwenig Wolken. Als sich der Himmel blau und rot zu färben beginnt (zirka um 5.15 Uhr) ziehen zwar noch ein paar "Schlirgge" über die faszinierende Szenerie, aber als die Sonne neben dem Hauptturm erscheint, ist der Himmel zu klar.
Neben vielen Hunderten von Handy-Fötelern sind auch echte Profis am Werk, die mich staunen lassen: da werden ab Stativen, die teils im Wasser stehen, während 20 Minuten alle paar Sekunden im HDR-Modus Einzelbilder aufgenommen, die später zu Animationen zusammengefügt werden. Besonders amüsieren mich die jungen Mönche: während ich sie im Bayon-Tempel fotografiere, fotografieren sie mich und haben es saulustig dabei.Sie wollen wissen woher ich komme, und anschliessend will sich jeder noch zusammen mit mir fotografieren lassen. Sachen gibt's. Die junge Russin fotografiert hingegen nicht mich, sondern macht ein sehr exzentrisches Selfy vor einem der 200 Bayon-Gesichter.
Ein ungewöhnliches Hotelzimmer
Weil ich schon in anderen Jahren mehrmals im pickfeinen Restaurant des Hotels Terrasse des Elephants einen traditionellen Khmer-Asok kredenzt habe, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, mich mal im Internet über die Zimmerpreise schlau zu machen. Und da das Management bis am Wochenende einen Spezialtarif mit 40% Rabat anbietet, schlage ich ein.
Als ich mein Zimmer betrete, entschlüpft mir ein begeistertes "Wow!", dennn was ich da sehe, habe ich wahrlich noch nie bewohnt. Vom Eingangsbereich mit Toilette führt eine Brücke über einen Seerosenteich zum Himmelbett! Eine andere Brücke führt über das andere Ende des Teiches zur Dusche. Im Teich steht ein über 2m hoher Springbrunnen mit Bayon-Gesicht. Beim Benutzen des Raumes erweist sich das umwerfende Design hingegen als wenig praktisch: bei plätscherndem Brunnen muss ich alle Halbstunden über die eine Brücke aufs Häuschen springen, Lesen und Blog schreiben ist nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr möglich, weil die Lämpchen allesamt zu schwach sind.
Ausser der erbärmlichen Nachttischfunzelchen lässt sich das Raumlicht nur von einem Hauptschalter neben der Eingangstüre steuern. Wenn ich nachts also auf die Toilette will, muss ich mich zuerst im Dunkeln über die Brücke tasten um im andern Teil des Zimmers Licht zu machen. Selbstverständlich habe ich den Springbrunnen längst ausgeschalten, um die Häuschengänge zu reduzieren. Aber der Brunnen tropft fröhlich weiter - an Schlaf ist kaum zu denken! Kommt dazu, dass die Dusche am Ende der anderen Brücke entweder zuwenig Gefälle hat oder meine Duschmasse zu voluminös ist: jedenfalls ist die ganze Sosse über die Brücke zurück ins Zimmer gelaufen und teils auch in den Seerosenteich.
Bürokratie am Flughafen
Gerne hätte ich die Szene fotografiert, aber gerade in diesem Bereich des Airports von Siem Reap gilt striktes Fotografierverbot. Dabei wäre dieses Bild ein Dokument für kambodschanische Arbeitsbeschaffung und Behördenkult. Da sitzen 10 Khmer-OffizierInnen in Reih und Glied an numerierten Pültchen - mehr als Fluggäste aus der 64plätzigen Propellermaschine der Cambodian Angkor Airline aus Bangkok entsteigen und die alle neune nun den Postenlauf für ein Einreisevisum absolvieren müssen.
Die erste Offizierin kassiert 30 Dollar ein, der zweite Offizier will den Pass und den Einreiseantrag ausgehändigt bekommen, der dritte vergleicht die beiden Dokus miteinander, der vierte macht ein Hääggli auf den Antrag, der fünfte klebt ein Visum ein, der sechste stempelt dieses ab, der siebte unterschreibt es, der achte gibt den Pass einfach nur weiter, der neunte händigt den Pass dem Einreisewilligen aus und die zehnte Offizierin überwacht, ob keiner ihrer neun Kollegen überfordert ist - Mani Matter hätte seine Freude daran...
Suche nach Schneckenschleim-Lotion
Eine Aufgabe spare ich mir bis kurz vor dem Rückflug nach Europa auf: Ich soll für Arbeitskollegin Daniela eine Gesichtslotion kaufen, die aus Schneckenschleim hergestellt wird. Die sei hier in Thailand viiiel billiger als in der Schweiz. "Myner Wyber frage mi immer wieder, öb i no vo däm Schnäggezüügs heig!" hat sie mir vor meinem Abflug zusammen mit dem klaren Beschaffungsauftrag auf den Weg gegeben. Unglaublich, was sich Frauen so alles ins Gesicht schmieren...
Schon gestern klappere ich während einer Stunde mehrere Supermärkte in Bangkok ab und stehe lange ratlos vor den meterlangen Regalen mit Schönheitspflegemitteln. Sehe aber nirgendwo eine Schnecke auf Tübchen, Döschen, Fläschen und Beutelchen. Heute ein erneuter Versuch: Trete in zwei Drogerien und eine Apotheke an der Sukhumvit ein und frage: "Do you have lotion for face from snail?" Oder wäre besser "slug"? Ich probier's auch damit, ernte aber nur fragende Blicke.
Verkehr in Phnom Penh
Ich staune immer wieder, dass dieser enorme Verkehr in Phnom Penh überhaupt funktioniert - und das praktisch ohne Ampeln oder sonst aktiver Verkehrsregelung. Ströme von Autos, Tuktuks, Motorbikes und Rikschas kreuzen sich, durchdringen sich, aber alles in gesittetem Tempo, mit Rücksicht aufeinander, ohne böse Worte oder entsprechende Gestik.
Weitere Erlebnisse und Reflexionen
Von Tochter Nadja erhalte ich heute ein knappes Lebenszeichen: sie ist aus Lesbos von ihrem humanitären Einsatz zurück und bereits wieder auf dem normalen Bügu als Sozialarbeiterin in der Schweiz. Sie outet sich aber schockiert, dass weder Rotes Kreuz noch die UNO Hilfe leisten beim Flüchtlingsdrama in der Ägais.
Wie die Tage zwischen meinen Fingern zerrinnen wie Sand. Dabei sind sie recht produktiv! Nicht Ferien mit vielen Erlebnissen und so, aber klar strukturiert: Morgens um 10 Frühstück (gebackener Reis mit Shrimps) in Tom's Bakery mit Nestor, Kaffee trinken und plaudern, um 12 Uhr zurück ins Coconut Beach Resort, Lesen und Schreiben an der Chronik "80 Jahre sportpress-bern.ch", die Ende November in Druck gehen sollte. Vorletzte Nacht habe ich so lange daran gearbeitet, bis es draussen hell geworden ist. Zwischendurch schreibe ich zudem an meinem nächsten Buch, "Du machen Klickklick! - Annekdoten aus 45 Jahren Pressefotografie".
Von Nadja, die auf Lesbos einen humanitären Einsatz leistet, habe ich nun seit Tagen nichts mehr gehört und gelesen. Ich mache mir Sorgen.
Seit ich hier auf Koh Samui zu Gast bin hat drei Tage lang Smog die Gegend verhüllt, die Sonne wohl nur einmal herzhaft gelacht, und nun regnet es seit Tagen mit lediglich kurzen Unterbrüchen. Der Coop-Regenschutz - ein Relikt vom letzten Schwingfest - ist längst zum ständigen Begleiter geworden. Drei Krimis habe ich nun schon gelesen - einen Kluftinger, einen Föhr und einen Indridason - und muss langsam einteilen, damit mir der Lesestoff nicht zu früh ausgeht. Also Zeit aufzubrechen: Morgen früh werde ich nach Bangkok Suvarnabhumi fliegen und drei Stunden später weiter nach Kambodscha.
Kurz nachdem ich untenstehenden Text aufgeschaltet habe, erreicht mich ein Lebenszeichen von Nadja! Ich zitiere Passagen daraus (mit ihrem Einverständnis): "Heute hat mein erster Einsatz an der Küste stattgefunden. Ich habe bis Mittag 4 ankommende Boote mit mehrheitlich Afghanen miterlebt. Es war unglaublich emotional. Viele haben gejubelt, geweint, gebetet, sich umarmt, fotografiert. Ich habe versucht, die Babies entgegen zu nehmen und sicher an Land zu bringen. Danach geschaut, ob jemand medizinische Hilfe braucht. ... Die berührenste Begegnung war mit einer Frau in meinem Alter, die geweint hat. Wir haben uns angeschaut und ich musste auch weinen. Dann haben wir uns in die Arme genommen und beide miteinander geweint. Viele Helfer mussten weinen. Es ist so derart intensiv. Mann kann sich gar nicht mehr gut unter Kontrolle halten. Aber das versuche ich auch gar nicht. Ich möchte den Menschen als Mensch begegnen und nicht in einer professionellen Rolle. Heute wird es vermutlich noch viele Boote geben. Die Strukturen und alles was hinten dran läuft, ist schwierig. Vor allem, weil viele Menschen einfach wieder nur eigene Interessen verfolgen. Wo sind die Hilfswerke?
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