Viele Menschen beginnen ihren Tag mit einer Tasse Kaffee oder Tee. Während Kaffeejunkies über Arabica und Robusta fachsimpeln und Teeliebhaberinnen für ein Kännchen «Pu-Erh-Tee» 125 Franken hinblättern, scheint dem Wasser kaum jemand Beachtung zu schenken. Und dies, obwohl sowohl Kaffee als auch Tee zu 98 Prozent daraus bestehen.
Doch auch wer den Sommer lieber am Strand verbringt, ist vor solchen Zwischenfällen nicht gefeit. Forscher haben herausgefunden, dass schlechtes Wetter ebenfalls das Wasserkochen beeinflussen kann - und damit Tee, Ei und Spaghetti. Wichtig bei der Zubereitung dieser Lebensmittel ist der Siedepunkt.
Meist heisst es: Wasser siedet bei 100 Grad, also geht dann vom flüssigen in den gasförmigen Zustand über. Doch diese Regel gilt nur bei Normalbedingungen auf Meereshöhe, bei 1013,25 Hektopascal. In den Bergen fängt das Wasser - bei sonst gleichen Bedingungen - schneller an zu kochen, schon bei Temperaturen unter 100 Grad.
Die Faustregel heisst: Pro 300 Meter Höhe sinkt der Siedepunkt um ein Grad. Tiefdruckgebiet oder Höhe: Die Physik unterscheidet nicht. Auch Tiefdruckgebiete sorgen für einen veränderten Luftdruck.
Als im November 2023 der Sturm «Ciarán» über Grossbritannien hinwegzog, holte Caleb Miller von der University of Reading in der Abteilung für Meteorologie schnell seine Messgeräte hervor. So konnten er und seine Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen dem tiefen Druck am Morgen des 2. November und der Siedetemperatur feststellen. Teilweise wurden nur 953,6 Hektopascal gemessen - und das Wasser kochte bei unter 98 Grad.
Wie die Forscher in ihrer Studie im Fachjournal «Weather» beschreiben, konnten deshalb möglicherweise Millionen Briten ihren Tee nicht richtig kochen. «Das liegt daran, dass Tee sehr empfindlich auf die Temperatur des für die Zubereitung verwendeten kochenden Wassers reagiert, was mit der Wirksamkeit der Extraktion der Tannine aus dem Tee zusammenhängt.» Für schwarzen Tee würden 98 bis 100 Grad empfohlen. Der Frühstückstee an diesem Tag sei also bei vielen Menschen wohl etwas schwach ausgefallen.
Hauptautor Giles Harrison meinte: «Ich weiss zwar, dass der Siedepunkt von Wasser vom Luftdruck abhängt, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Sturm die Temperatur des kochenden Wassers ausserhalb des empfohlenen Bereichs für die Zubereitung von gutem Tee bringt.»
Auch wer zu der Zeit im Süden von Grossbritannien ein Frühstücksei kochen wollte, musste ein paar Sekunden länger warten als sonst. Denn die Garzeit hängt von der Temperatur ab. Herrscht ein niedrigerer Druck, verdampft das Wasser schon bei unter 100 Grad, ohne noch heisser zu werden.
Bei so einer verringerten Kochtemperatur dauert es länger, bis das Ei fest wird. Auch Nudeln brauchen dann mehr Zeit. Übrigens: Auf dem höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest, könnte man gar kein Ei mehr kochen, wie der Geophysiker Roland Pail von der TU München erklärt. «Der Dotter stockt zwar noch, aber das Eiweiss gerinnt erst bei 84 Grad.»
Diese würden dort oben nicht mehr erreicht - es sei denn, man schleppte einen Druckkochtopf hinauf. Zuhause gelingt das Frühstücksei immer perfekt, aber beim Urlaub in den Bergen ist es noch schwabbelig, trotz gleich langer Kochzeit? Schuld an dieser Misere ist der veränderte Luftdruck in der Höhe.
Schlechtes Wetter hat wie die Höhenlage einen Einfluss auf das Wasserkochen. Britische Forscher zeigten diesen Effekt bei einem Sturm - mit Auswirkungen auf die Teezubereitung.
In der Schweiz ist das beispielsweise nirgends der Fall. Denn der Siedepunkt wird direkt vom herrschenden Luftdruck beeinflusst. Dieser ist nur auf Meereshöhe so hoch, dass dort die 100-Grad-Regel gilt. Mit steigender Höhe sinkt der Druck in der Atmosphäre. Die Faustregel für das Berechnen des Siedepunkts lautet: ein Grad weniger pro 300 Höhenmeter.
In weiten Gebieten der Schweiz kocht das Wasser also bereits zwischen 98 und 99 Grad, während in weiten Teilen Europas 100 Grad nötig sind. Am tiefsten Punkt der Schweiz, dem Lago Maggiore auf 193 Meter über Meer, kocht das Wasser bei 99.26 Grad. Ganz anders sieht es auf dem höchsten Punkt, der Dufourspitze (4634 M.ü.M.) aus. Dort wird Wasser bereits bei rund 84,5 Grad zu Dampf.
Das flüssige Wasser wird nie heisser als der örtliche Siedepunkt vorgibt. Ist dieser erreicht, verlieren die Wassermolekülen den Kontakt untereinander und entweichen als Dampf aus der Flüssigkeit. Das hat direkten Einfluss auf das Kochen in Höhenlagen.
Denn auch wenn das Wasser schneller heiss ist, bringt das keine Zeitersparnis beim Zubereiten von Essen - im Gegenteil. Wer beispielsweise in Arosa auf 1800 Meter Frühstückseier kocht, hat dafür nur 94 Grad heisses Wasser zur Verfügung und muss deshalb deutlich länger als fünf Minuten warten, bis die Eier fertig sind. Dasselbe gilt auch für Pasta und alle anderen Gerichte, die man im kochenden Wasser zubereitet.
Es lohnt sich also, Spaghetti und Co. Je nach Höhenlage mehr Zeit für Eier, Pasta etc. einzuplanen.
Teewasser die richtige Temperatur
Neben der optimalen Temperatur für die Teezubereitung bietet heißes Wasser noch weitere gesundheitliche Vorteile:
- Ayurveda: Nach der Lehre des Ayurveda ist es wichtig, Wasser in einem offenen Topf mind. ca. zehn Minuten lang abzukochen, bevor man es trinkt. Durch das Kochen wird das Wasser mit Energie angereichert und gewinnt die besondere Eigenschaft, die der Ayurveda sukshma (= fein, subtil) nennt. Es wird auch weicher, süss und zusätzlich warm. Durch das Einnehmen von abgekochtem Wasser geschieht bereits eine Reinigung der feinen Körperkanäle und die Verdauungskraft wird gefördert.
- Reinigung und Anregung der Verdauung: Das zehn Minuten lang abgekochte heisse Wasser regt unmittelbar Verdauungsfeuer (Agni) an, wodurch die Nahrung bei der Mahlzeit insgesamt besser verarbeitet und aufgenommen wird. Zwischen den Mahlzeiten getrunken, unterstützt es überdies wirkungsvoll die Ausscheidung wasserlöslicher Toxine aus den Körpergeweben (Dhatus).
- Medikamentenaufnahme: Menschen, die ayurvedische aber auch synthetisch-chemische Medizin einnehmen, sollten unbedingt abgekochtes Wasser trinken, da dieses zu den empfohlenen Trägersubstanzen gehört, damit jegliche Medikamente im Körper optimal aufgenommen werden können. Ebenso werden die Nahrungsmittel besser verstoffwechselt. Trinken Sie jedoch nicht während den Mahlzeiten sondern nur bis 30Min. davor und 1 Std.
- Regelmäßiger Konsum: Der Ayurveda empfiehlt, über den ganzen Tag verteilt regelmäßig abgekochtes Wasser zu trinken und am Morgen früh als Erstes. Füllen Sie das restliche abgekochte Wasser einfach morgens in eine Thermoskanne und nehmen Sie es mit zur Arbeit. Wichtig: Es muss nicht zwingend warm oder heiss getrunken werden, sollte jedoch mind. zehn Min. lang abgekocht sein.
- Unterscheidung zu Tee: Wichtig: Abgekochtes Wasser hat einen eigenen Effekt und sollte nicht mit Tee gleichgesetzt werden. Wenn Sie jedoch gerne Tee trinken, lassen Sie das Wasser dazu auch zehn Min.
Weitere Gründe, warum warmes Wasser am Morgen gesund ist:
- Gut bekömmlich für den Magen: Warmes Wasser muss nicht erst auf Körpertemperatur gebracht werden und versorgt einen direkt mit Flüssigkeit, was morgens besonders wichtig ist.
- Aktiviert den Stoffwechsel: Durch das erwärmte Wasser wird der Stoffwechsel angekurbelt, was zusätzliche Kalorien verbrennt. Danach verzehrte Nahrung wird durch die Wärme zudem leichter in ihre Bestandteile aufgebrochen, sodass Nährstoffe besser verwertet werden können.
- Preiswerter Detox-Drink: Auch als Detox-Drink könnte man heisses Wasser bezeichnen, da es vor allem, wenn es wärmer als die Zimmertemperatur getrunken wird, das Schwitzen anregt. Mit dem Schweiss werden über die Haut Gifte ausgeschieden. Ausserdem wird durch das Trinken die Verdauung angeregt und der Körper mit Flüssigkeit versorgt.
- Entkrampfende Wirkung: Wacht man mit Bauchschmerzen auf, kann warmes Wasser schmerzlindernd wirken, da es im Gegensatz zu kalten Getränken den Magen entkrampft. Auch bei Periodenschmerzen, durch die häufig der ganze Bauchraum angespannt ist, kann das Heissgetränk helfen.
- Als Hausmittel bei Erkältungen: Die Hitze soll es den Viren erschweren, sich zu vermehren, und durch die zu sich genommene Flüssigkeit kann der Körper effektiv arbeiten. Doch auch Wasser, welches man erhitzt, hat diese positive Wirkung bei Husten und Schnupfen und sorgt ebenso dafür, dass sich Schleim aus den oberen Atemwegen schneller lösen kann.
Wer dem Geschmack von erwärmten Wasser gar nicht gefällt, der kann es mit einer Scheibe Zitrone in Bio-Qualität verfeinern. So erhält das Getränk ein säuerliches Aroma und zusätzlich Vitamin C. Ausserdem soll das Wasser durch die Zitrusfrucht sogar entzündungshemmend wirken.
Alternativ können auch ein Blatt frische Minze oder Teeblüten in das Wasser gegeben werden - aber erst, nachdem dieses nicht mehr kochend heiss ist. So werden nur ein wenig Geschmack und vor allem kaum Bitterstoffe an die Flüssigkeit abgegeben, was das Wasser auf leeren Magen am Morgen bekömmlicher als viele aufgebrühte Tees macht.
Warmes Wasser kann also viel mehr als nur Tee zubereiten. Es ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Mittel für Gesundheit und Wohlbefinden.
| Höhe über Meer (m) | Siedepunkt (°C) |
|---|---|
| 0 (Meereshöhe) | 100 |
| 193 (Lago Maggiore) | 99.26 |
| 1800 (Arosa) | 94 |
| 4634 (Dufourspitze) | 84.5 |
Diese Tabelle zeigt, wie der Siedepunkt des Wassers mit zunehmender Höhe sinkt.

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