Die verrückte Geschichte der Currywurst

Die Currywurst, ein ikonisches deutsches Streetfood, hat eine überraschend faszinierende Geschichte. Am 04. September 2024 feiert die Currywurst ihr 75. Jubiläum.

Die Entdeckung der Currywurst war nicht das Resultat eines geschickten Kochs oder einer experimentierfreudigen Hausfrau, sondern eines Zufalls, der mit einem irrwitzigen Tauschhandel Ende des zweiten Weltkrieges seinen Lauf nahm.

Currywurst mit Pommes

Die Legende um Lena Brücker

Zumindest laut dem Buch «Die Entdeckung der Currywurst» von Uwe Timm hat Lena Brücker, eine Imbissbudenbesitzerin in Hamburg, die kulinarische Köstlichkeit erfunden. Am Hamburger Großneumarkt stand einst die Imbissbude von Frau Brücker, die jedem, der es hören wollte, erzählte, sie habe kurz nach dem Krieg die Currywurst erfunden. Daran erinnert sich der Erzähler noch Jahre später, als der Imbiss längst verschwunden ist.

Dabei tauschte eine gewisse Lena Brücker ein Reiterabzeichen, Holz und Whiskey gegen einige Flaschen Ketchup, einige Würste und eine Dose Currypulver. Ihr Ziel: Am Grossneumarkt in Hamburg eine eigene Imbissbude auf die Beine zu stellen.

Der Erzähler besucht in einem Altersheim eine Frau, von der er glaubt, sie habe die Currywurst entdeckt. Lena Brücker, weit über achtzig, rückt aber auf seine Fragen nicht so schnell mit der Antwort heraus. Vielmehr erzählt sie eine ganz andere Geschichte, die zunächst recht alltäglich beginnt, sich dann aber als eine unerhörte Begebenheit erweist.

Im April 1945, kurz vor Kriegsende, hat sie einen Marinesoldaten in ihrer Wohnung versteckt und mit ihm ein Liebesverhältnis angefangen. Dann aber kapituliert Hamburg. Die vierzigjährige Lena Brücker will den jungen Deserteur noch nicht heim zu Frau und Kind lassen. Sie verschweigt ihm, daß der Krieg zu Ende ist. So sitzt er in der Wohnung fest und wird mit Ersatzgenüssen umsorgt, Geschichten und Gerichten: Wildgemüse, Eichelkaffee und falscher Krebssuppe. Bis er eines Tages den Geschmackssinn verliert.

Isabel Kreitz lässt Uwe Timms ebenso spannenden wie anrührenden Roman DIE ENTDECKUNG DER CURRYWURST in stimmungsvollen Zeichnungen lebendig werden. Dabei eröffnet »Deutschlands beste Comic-Zeichnerin« (Die Woche) ein akribisch recherchiertes Bild des Kriegsendes im zerstörten Hamburg.

Currywurst - Rezept Für Die Perfekte Currysauce - Kochnoob

Mehr als nur ein Imbiss

Was jetzt vielleicht sehr unterhaltsam klingt, ist eine ernste Erzählung, die auch Kriegsdeserteure und Bombenalarme nicht weglässt.

Eine Novelle im ursprünglichen Sinn des Wortes, nämlich als »kleine Neuigkeit«. In ihr wird erzählt, wie man sich in dunklen Zeiten ein Licht aufsteckt, am Leben hält, sich ein wenig Lust sichert, wenn nötig auch mit der Lüge. So wird das Erzählen, ohne jede theoretische Reflexion, thematisiert: wie diese labberigen Wurstscheiben durch ein Gewürz eine märchenhafte Fremde bekommen und damit das Wunderbare ins Alltägliche bringen. Die Frage nach der Entdeckung der Currywurst führt schließlich - wie in einem Kreuzworträtsel - am Ende doch noch zu einem verborgenen Sinn.

Wie schmeckt die Erinnerung? Und wie kommt es zu großen und kleinen Entdeckungen?

Uwe Timm, geboren 1940 in Hamburg, lebt in München und Berlin. Sein Werk erscheint seit 1984 bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, u.a.: »Heißer Sommer« (1974), »Morenga« (1978), »Der Schlangenbaum« (1986), »Kopfjäger« (1991), »Die Entdeckung der Currywurst« (1993), »Rot« (2001), »Am Beispiel meines Bruders« (2003), »Der Freund und der Fremde« (2005), »Halbschatten« (2008), »Vogelweide« (2013), »Ikarien« (2017), »Der Verrückte in den Dünen« (2020), »Alle meine Geister« (2023).

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