Ökobilanz: Joghurt im Glas versus Plastik

Die Frage, ob Joghurt im Glas oder im Plastikbecher ökologisch sinnvoller ist, beschäftigt viele Konsumenten. Um diese Frage zu beantworten, ist eine umfassende Ökobilanz notwendig, die den gesamten Lebensweg der Verpackung berücksichtigt - von der Rohstoffgewinnung über die Produktion, den Transport, die Nutzung bis hin zur Entsorgung oder dem Recycling.

Die Abfallhierarchie und ihre Bedeutung

In der Abfallhierarchie geht es um eine Priorisierung im Umgang mit Abfällen. Die grundsätzliche Reihenfolge ist: Vermeidung - Wiederverwendung - Recycling - Verwertung - Beseitigung. Die Europäische Union hat die Abfallhierarchie in 5 Hierarchiestufen definiert:

  1. Vermeidung
  2. Wiederverwendung
  3. Recycling (stofflich)
  4. Verwertung (energetisch, thermisch)
  5. Beseitigung

Neben der Priorisierung in einer Hierarchie setzte die EU auch Ziele bezüglich der Mengen auf der einzelnen Hierarchiestufe. So sollen bis 2020 50% bis 70% des Abfallaufkommens (je nach Art) rezykliert werden.

Kehrichtverbrennungsanlagen mit einem definierten Wirkungsgrad (65% für Neuanlagen und 60% für Altanlagen) gehören in die 4. Hierarchiestufe.

Die Problematik von Plastikverpackungen

Zu viel Plastik landet in der Umwelt und recycelt wird wenig. Die Umwelt ist voll mit Plastik, wir haben Plastikpartikel im Blut, im Gewebe und im Gehirn. Wir sitzen sogar darauf - buchstäblich. Eine ursächliche Lösung für die Plastikkrise ist dennoch nicht in Sicht.

Recycling soll das Problem beseitigen, sagt zumindest die herstellende Industrie. Ein Plastikkreislauf mit weniger Abfällen und weniger Neuproduktion sei die Lösung. Das klingt ansprechend. In der Schweiz sieht es diesbezüglich ohnehin mager aus. Gerade einmal zehn Prozent des Plastikaufkommens werden derzeit recycelt.

Das heisst, ein neues Produkt enthält nur einen geringen Teil des aufbereiteten Kunststoffs, weil dessen Qualität trotz allem nicht ausreicht. Aus dem Rest des Rezyklats wird vielleicht ein Abfallkübel oder Dämmmaterial. Auf einige Kunststoffe kann man nur schwer verzichten, oder der Verzicht würde andere ökologische Kosten nach sich ziehen. Ein Bereich, in dem sich einfach etwas ändern liesse, sind aber tatsächlich Einweg-Lebensmittelverpackungen.

Die Vor- und Nachteile von Glasverpackungen

Vor 30 Jahren löffelte die Schweiz begeistert Toni-Joghurt im Glas. Danach spülte man es aus und brachte es in den Laden zurück. Das Mehrwegglas war ein Symbol für das neue Umweltbewusstsein der Schweizer. Heute ist das Joghurt im Glas nur noch ein Nischenprodukt.

Eine Glasflasche kann bis zu 50 Mal befüllt werden. Dafür ist es finanziell und ökologisch teuer, Glasgefässe zu reinigen und zu transportieren. Leichteres, bruchsicheres Glas könnte die Bilanz allerdings verschieben.

Glas ist schwer, eine Literflasche wiegt über 600 Gramm, 20 Mal mehr als eine vergleichbare PET-Flasche. Ökologisch wäre es deshalb sinnvoll, das gesammelte Material nicht über grosse Distanzen zu transportieren. Trotzdem verarbeitet die letzte Glashütte der Schweiz in St-Prex, die ausschliesslich grüne Flaschen herstellt, nur einen Viertel des einheimischen Altglases. Über die Hälfte gelangt ins Ausland.

Die Geschichte des Toni-Joghurts im Glas

Die Konsumentensendung «Index 5 vor 12» von Radio DRS berichtete 1984 vom phänomenalen Markterfolg der Toni-Molkerei. Diese verarbeitete am Standort Zürich täglich eine Million Liter Milch zu Butter, Rahm, Käse und Joghurt. Die weltweite Ölkrise brachte das Thema Energiesparen in die Büros der Toni-Direktion. Sie liess eine Glaswaschanlage bauen und beauftragte den Starwerber Jean Etienne Aebi, das Volk mit einer Werbekampagne auf das Mehrwegglas zu bringen.

Joghurt und Kampagne ( «…Das im Glas») waren bald sehr populär und haben heute Kultstatus. Zu den besten Zeiten kauften drei von vier Konsumenten Toni-Joghurts. 56 Prozent der Gläschen wurden in die Läden zurückgebracht. Von dort transportierten sie Lastwagen nach Zürich, wo sie nochmals gewaschen und neu abgefüllt wurden. Die Konkurrenz rieb sich die Augen. Die Mehrwegglas-Idee sei nur ein billiger Marketingtrick, behauptete sie. Denn das Zirkulationsglas weise keine bessere Ökobilanz auf als die herkömmlichen Plastikbecher.

Die Schweizer brachten letztlich zuwenig Gläser zurück, damit sich die Mehrwegidee gelohnt hätte. Ausserdem waren Sammlung und Waschvorgang äusserst aufwändig. Gegen die heute übliche Joghurtverpackung haben die Mehrweggläser keine Chance mehr. Deshalb wird das Toni-Joghurt auch schon lange in Einweggläser abgefüllt. Und apropos Umweltbilanz: Die Gläser werden unterdessen aus Ungarn importiert!

Trotz mehreren Versuchen, dem Toni-Joghurt zu neuem Schwung zu verhelfen: Der Absatz stagniert bei einer Produktion von vier Millionen Gläschen pro Jahr. Zum Vergleich: In Spitzenzeiten waren es 45 Millionen. Nun sollen es die richten, die dort studieren, wo früher Toni zuhause war: die Zürcher Kunststudenten. In den nächsten Wochen sollen sie einen neuen Marktauftritt für das Joghurt kreieren und so «dem im Glas» zu mehr Glanz verhelfen.

Recycling in der Schweiz

Die Pflicht zur Abfallverwertung ist in der Schweiz seit 1985 gesetzlich verankert. Zuvor war der sorglose Umgang mit Abfall in die Kritik geraten. Kehrichtsäcke landen keine mehr auf Deponien, seit 2000 muss Haushaltabfall verbrannt werden.

Die Kosten, diesen Abfall einzusammeln, zu zerlegen und aufzubereiten, werden durch den Erlös der wiederverwerteten Stoffe nicht gedeckt. Heute bezahlt, wer seinen Abfall los­ werden will. Früher, als Lumpensammler unterwegs waren und als es noch einen Mangel an Rohstoffen gab, war das anders.

Weil es eigentlich nicht rentiert, Alu, PET oder Glas separat zu sammeln, werden sich Private hüten, ins Recyclinggeschäft einzusteigen - es sei denn, man hilft bei der Finanzierung etwas nach. In der Schweiz bezahlt man deshalb in vielen Fällen schon beim Kauf zukünftigen Abfalls für seine Entsorgung und Wiederverwertung. Bei Glas­flaschen beträgt diese vorgezogene Entsorgungsgebühr je nach Grösse zwischen 2 und 6 Rappen.

Das Instrument, mit dem sich diese Frage beantworten lässt, heisst Ökobilanz. Mit einer Ökobilanz kann die Herstellung eines Produkts aus seinem ursprünglichen Rohstoff mit der Herstellung aus wiederverwertetem Material verglichen werden - nicht nur kurzfristig in ökonomischer Hinsicht, sondern auch langfristig aus einem ökologischen Blickwinkel.

Recycling spart Energie: am meisten, nämlich bis zu 95 Prozent, beim Aluminium, am wenigsten, aber immer noch 25 Prozent, beim Glas.

Tipps für einen bewussteren Konsum

Um den eigenen Abfalleimer zu entlasten, braucht es keinen Unverpackt-Laden in der Nähe. Schon kleine Veränderungen im Einkaufsverhalten bewirken etwas. Der Bäcker um die Ecke zum Beispiel wird kein Problem damit haben, das Brot direkt in den mitgebrachten Stoffbeutel zu packen. Und schon wurde ein Papiersäckli weniger verbraucht. Der Käse von der Käsetheke kann direkt in den eigenen Behälter oder Früchte und Gemüse können auch lose in den Einkaufskorb.

Grössere Einkäufe brauchen Planung. Gemüsenetzli, Stoffbeutel und Wachstücher sind leicht und brauchen nicht viel Platz. Zero-Waste-Profis haben immer einen Löffel oder eine Gabel dabei.

Welschinger ist überzeugt: "Durch 'Unverpackt'-Einkäufe können Konsumentinnen und Konsumenten viel Geld sparen - unter anderem, weil man bewusster einkauft und nur noch die Menge, die man wirklich benötigt."

Es gilt: Je besser die Trennung, desto besser die Verwertungsmöglichkeit.

Die graue Energie - die Energiemenge welche für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wird - bleibt durch das Recycling erhalten.

Mit der Recycling-Map finden Sie schnell und einfach die verschiedenen Sammelstellen in Ihrer Nähe. Diese Funktion ist auch als App erhältlich.

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