Sprichwörter und Redewendungen sind ein faszinierender Teil unserer Sprache. Sie spiegeln kulturelle Eigenheiten wider und erzählen oft Geschichten, die bis in die Vergangenheit reichen. Rolf-Bernhard Essig erkundet Redensarten aus aller Welt, und in «Da haben wir den Salat» widmet sich Schmid der Sprache und Kultur rund um die Küche - von damals bis heute.
Ein bekanntes Beispiel ist die Redewendung "Da haben wir den Salat!". Doch woher kommt dieser Ausruf, wenn etwas schiefgelaufen ist? Und welche Rolle spielen dabei Essen und Kulinarik?
Die Welt der Sprichwörter und ihre Ursprünge
Lange vor der Globalisierung hatte die weite Welt im Denken und Sprechen ihren Platz. Wo er tatsächlich auf der Landkarte war, spielte oft keine Rolle, und heute weiss man es auch nicht unbedingt. Woher die Redewendungen zu solchen sprichwörtlichen Orten kommen, kann keiner so kundig und unterhaltsam erzählen wie Rolf-Bernhard Essig.
Zahlreiche seiner Sach- und Hörbücher widmen sich der Sprache und dem Schreiben; besonders Sprichwörter haben es ihm angetan: Sie stiften ihn oftmals, wenn die Herkunft im Dunkeln liegen sollte, zu witzigen Sprachgeschichten an - dies aber vor allem in seinen Büchern für Kinder.
Essig reist von Dorf zu Dorf, von einer sprichwörtlich gewordenen Metropole zur nächsten: zunächst in Deutschland, Österreich und der Schweiz, dann geht es durch Europa und den Rest der Welt, immer in alphabetischer Reihenfolge der Orte. Er zeigt, welchen Einfluss die Literatur hat, schaut aber auch in lutherischer Nachfolge dem Volk aufs Maul. Mit der klassischen Bildung im Gepäck erweist er sich als aufmerksamer Zeitgenosse.
«In 80 Sprichwörtern um die Welt» erzählt Essig sie in Geschichten und verweist auf Märchen, Fabeln, Literatur - kindgerecht vermittelt er so einen reichen kulturellen Schatz und Wissen über andere Länder und Kulturen.
Christian Schmid analysiert Begriffe und Redewendungen zum Küchenpersonal, zum Kochen, zur Küche an sich. Weil der Sudler im Feldlager oft unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten musste und seine Küche kaum sauber halten konnte, wurde das Wort bereits ab dem 17. Auch erklärt er beispielsweise, wie aus dem griechischen Wort «chàos» (leerer Raum) ebenfalls im 17. Jahrhundert durch den Chemiker Johan Baptista van Helmont die Bezeichnung für Gas wurde.
Dem Sprachforscher gelingt dabei der sichtlich schwierige Spagat: Trotz der Vielfalt und Menge an Informationen, kommt der Inhalt unterhaltsam daher. Es ist erstaunlich, wie konkret sich die Kulturgeschichte hinter unseren heutigen Formulierungen noch verbirgt.
UMGANGSSPRACHE auf Deutsch: REDEWENDUNGEN rund um ESSEN I Deutsch lernen B1, B2
Kulinarische Metaphern im Alltag
Die einfachste Erklärung ist wohl, dass jeder von uns essen und trinken muss und die Nahrungsaufnahme einfach zu unserem Alltag gehört. Wir sind also Tag für Tag mit Lebensmitteln umgeben, weshalb uns eine Analogie leicht fällt. Dazu kommt, dass auch das eigene Ess- und Kochverhalten eine Rolle spielt. Ein weiterer Grund, wieso wir gerne Nahrungsmittel als Metapher verwenden, könnte die starke Verbindung mit unseren Sinnen sein.
Insbesondere dem Geschmack und dem Geruch lässt sich schlecht etwas vormachen. Diese sinnliche Verbindung kann Emotionen und Empfindungen verdeutlichen. So kann zum Beispiel das Wort "bitter" nicht nur den Geschmack eines Lebensmittels beschreiben, sondern auch eine enttäuschende Erfahrung.
Auch kulturelle Bedeutungen sowie Geschichten und Mythem um gewisse Lebensmittel prägen unsere Sprache. Alltägliche Essensrituale bieten uns dabei feinste Analogien.
Beispiele für kulinarische Redewendungen
- "Da haben wir den Salat!": Eine Situation, in der etwas schiefgelaufen ist.
- "Alles in Butter": Alles ist in Ordnung.
- "Nicht alle Tassen im Schrank haben": Verrückt sein.
- "Die Rosinen herauspicken": Die besten Teile auswählen.
- "Wie ein Honigkuchenpferd strahlen": Sich sehr freuen.
Der Wurstsalat als Kulturgut
Dass der Wurstsalat in Olten erfunden wurde, sollte ja eigentlich längst schweizweit bekannt sein. Ist es aber nicht. Kaum jemand weiss es. Macht nichts!
Schon im 19. Jahrhundert führte kein Weg an diesem Eisenbahnknotenpunkt vorbei. Zugreisen machen hungrig - und Sitzungen sowieso! In Olten sind sie alle gesessen - Politiker, Verbände, Autoren. So wurde etwa 1863 der Schweizerische Alpenclub, 1882 das Buchzentrum, 1894 die FDP und 1971 die Autorenvereinigung Gruppe Olten hier gegründet. Verköstigt wurden die Sitzungsteilnehmer mit Cervelats.
Man sagt den Oltnern Bescheidenheit nach. Hier «tut keiner abheben» - man kann also den Erfinder des Wurstsalats schon mal vergessen.
Man sieht: Olten ist für Verleger auch in schwierigen Zeiten ein guter Nährboden. Und einmal Hand aufs Herz: Für einen sättigenden und preiswerten Wurstsalat reicht es eigentlich immer.
Hier eine kleine Anekdote zum schmunzeln:
Trinken wir einfach ein «Dreitannen-Bier» in Alex Capus’ «Galicia-Bar». Eine Begegnung mit Schriftsteller Christian Kracht kann so ziemlich alles sein.

Der Nüsslisalat erobert die Welt
Es gibt nicht viele Schweizer Dialektwörter mit dem Potenzial zu einer Weltkarriere. Der Diminutiv scheint die Chance immerhin zu erhöhen.
Der Nüsslisalat ist keine Schweizer Erfindung, seine Name jedoch schon. Was hat eine durchschlagendere Weltkarriere hingelegt als Wilhelm Tell, Ursula Andress und Roger Federer zusammen? Da kann nur ein Getreidebrei mit geraffelten Äpfeln und Nüssen gemeint sein, der morgendliche Hotelbuffets rund um den Globus ziert. Und mit ihm hat das Dialektwort die Welt erobert, das den Nachnamen des Erfinders mit dem helvetischen Hang zum Diminutiv verknüpft: Birchermüesli.
Das ist wohl das einzige Schweizer Dialektwort, das sich bis anhin international etabliert hat, wenn auch nicht zwingend in originalgetreuen Ausspracheformen: Ein «Müsli» ist eine kleine Maus, liebe deutsche Nachbarn, und ein «Musli» kennen wir gar nicht erst, liebe amerikanische Freunde. Aber wir fühlen uns geschmeichelt, es mit dieser Spezialität überhaupt auf die internationale Landkarte der Frühstücksfreuden geschafft zu haben.
Lange schien es, als bliebe dies unsere einzige Sprachschöpfung mit Weltruf. Nun aber zeichnet sich am Horizont ein Silberstreifen ab, in den sich sattgrüne Noten mischen: Der Nüsslisalat hat sich jüngst bis in die «New York Times» vorgearbeitet!
Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis «Nüsslisalat» dem amerikanischen Präsidenten erstmals über die Lippen kommen wird oder einem George Clooney, dem schon der urhelvetische Dreisilber «Nespresso» so leicht von der Zunge ging (wenn auch nicht ganz honorarfrei).

Alles neu macht der Mai? Der Salat im Supermarkt
Alles neu macht der Mai. Aber schon vorher trifft man das marktschreierische Adjektiv häufig an. Etwa im Gemüseregal des Detailhändlers.
Kaum ein Wort ist im Supermarkt so effektiv wie «neu»: Mit nur drei Buchstaben und etwas Leuchtfarbe vermag es die Shoppenden anzulocken und zu einem Kauf zu bewegen, den sie beim Betreten des Geschäftes nicht beabsichtigt hatten.
Besonders deutlich wird die einvernehmlich akzeptierte Täuschung bei Produkten, die sich bloss in anderem Kleid präsentieren. «Neue Verpackung» oder «neues Design» steht dann in neuem Design auf der neuen Verpackung. Und - schwupps! - landet das alte Produkt im Körbli oder Wägeli.
Etwas sinnvoller ist der marktschreierische Zusatz «neu!» bei Gemüsesorten, die nicht ganzjährig aus der Erde oder vom Baum gerupft werden. Etwa bei Kartoffeln. Hier bedeutet «neue Ernte» - zumindest nach meinem Verständnis -, dass es sich um Kartoffeln handelt, die direkt von Mutter Erde in den Supermarkt gelangt sind.
Etwas erstaunt war ich entsprechend, als ich unlängst in der Auslage des Detailhändlers einen Salatkopf mit dem Sticker «neue Ernte» erblickte. Bis anhin hatte ich nicht angenommen, dass es sich bei allen anderen Salaten um alte Köpfe handelte, also um solche, die ein paar Monate in einem dunklen Lager ihrer Auslieferung geharrt hatten.
Aber das Etikett des Eichblatts nahm kein solches vor den Mund und liess mich unmissverständlich wissen: Die übrigen Salate im Regal müssen «alte Ernte» sein. Da haben wir den Salat!
Migration und Essen: Ein kultureller Schmelztiegel
Migration geht auch durch den Magen. In der Ausstellung Beyond the End of Your Table erforscht die Esskulturen von vier ethnischen Gruppen in der Schweiz - Eritrea, Sri Lanka, Ukraine und Italien.
In der Ausstellung der Fotografin Weronika Welihodska im Kornhausforum sind viele tüchtige Hände abgelichtet: Hände, die gelbliches Öl aus einer durchsichtigen PET-Flasche in einen Messbecher giessen. In Gummihandschuhe gehüllte Hände, die einen Olivier-Salat anrichten - Olivier-Salat, den man auch «Russischer Salat» nannte. Hände, die dampfende, frisch geröstete Kaffeebohnen sachte hochwerfen und wieder auffangen. Gepflegte Hände mit langen Fingernägeln, die Brötchen mit Gurken und Sardinen belegen. Im Hintergrund: Canapés mit rotem Kaviar - eine ukrainische Spezialität, die hierzulande nur selten erhältlich ist.
Durch die starken Farben erhalten die Fotos eine feine Spur von Schalk und Absurdität. Weronika Welihodskas Werke sprechen eine leicht skurrile Bildsprache. Die Fotografin ist in der Ukraine geboren, ihre Familie kam in die Schweiz, als sie fünf Jahre alt war. In ihrer Ausstellung verhandelt sie Migration, Herkunft und Identität - mit dem Blick durch die kulinarische Linse.
Ein verbindendes Element der Ausstellung: der Tisch als Ort der Begegnung. Vor drei Jahren sei ein Teil ihrer Familie aus der Ukraine in die Schweiz gekommen. «Als Erstes haben wir uns an einen Tisch gesetzt. Wir haben zusammen gegessen, bevor wir über das Geschehene geredet haben.» Inmitten der aktuellen Weltlage finde sie es umso wichtiger, dass es Tische gebe, an denen Menschen ihre Erfahrungen teilen können. «Das gemeinsame Essen ist sehr wichtig», betont Welihodska.
Kulinarik wird als eigenständige kulturelle Praxis zunehmend anerkannt. Durch soziale Medien hat die Ästhetisierung von Essen in den letzten Jahren viel Aufwind gewonnen.
Ihre Aufnahmen seien im Gegensatz zu Instagramposts aber nicht inszeniert, betont Welihodska. «Auf den Bildern sieht man, wie eritreisches, ukrainisches, italienisches oder tamilisches Essen in der Schweiz zubereitet wird. Aber auch, wie die Schweiz in diese kulinarische Kultur hineinfliesst»
In der Ausstellung fallen die Momente der kulturellen Vermischung ins Auge. Etwa in dem Foto mit einer Rivella-Flasche inmitten ukrainischer Spezialitäten. Diese Bilder würden das Dazwischensein dokumentieren - die Momente, in denen man sich mit unterschiedlichen kulinarischen Kulturen identifiziert.
| Ausstellung | Ort | Dauer |
|---|---|---|
| BEYOND THE END OF YOUR TABLE | Kornhausforum | Bis zum 16. August 2025 |