Italiensehnsucht wurde schon immer auch durch Musik generiert, besonders den «Italo-Pop», luftige Lieder, die nur aus Sonnencrème und Gelato zu bestehen scheinen. Wer dieses Lied hört, beginnt unweigerlich zu singen. Warum ist das so?
Einer der bekanntesten Songs dieses Genres ist «Sarà perché ti amo». Das Lied der Band Ricchi e Poveri wurde 1981 zum Sommerhit, in Italien scherzhaft «tormentone dell’estate» genannt, die Nervensäge des Sommers. Jenes Lied, dem man eine Saison lang nicht entkommt, das einem aus jeder Box, aus jedem Autoradio entgegenschallt.
Der Song erreichte in Italien Platz 1 der Charts und wurde mit Platin ausgezeichnet. Auch im Ausland feierte er grosse Erfolge. Die Fans des AC Milan erkoren das Lied zu ihrer Fussballhymne. Chöre johlen es seither im Stadion. Videos dieser Gesänge trugen dazu bei, dass das Lied ein grosses Revival erlebt. Fremde tanzen spontan mit Fremden, Menschengruppen veranstalten eine Polonaise auf der Piazza - ein virales Feierphänomen ist entstanden.
Ricchi E Poveri - Sarà perché ti amo (Thommys Popshow extra 17.12.1983)

Ricchi e Poveri im Jahr 2014. (Quelle: Wikimedia Commons)
Die Magie des Internets und die Sehnsucht nach Italien
Das Internet ist ein grosser Sehnsuchtsgenerator. Nirgendwo ist es so leicht wie in den sozialen Netzwerken, das eigene Leben grau zu finden und sich an einen Ort zu träumen, an dem immer die Sonne scheint und alle gute Laune haben. Die Videos der schönen, jungen tanzenden Menschen generieren Klicks und Likes, man kann «Sarà perché ti amo» kaum noch entgehen.
Das Lied ist sogar der neue Oktoberfest-Kracher, unlängst sang es Schauspieler und Musiker Russell Crowe auf seinem Konzert in Italien.
Die Videos der Feiernden in Italien sind fast schon eine eigene Kunstgattung. Liest man jedoch die Kommentare unter den Feiervideos aus Rom, Venedig und Neapel, kann man sehen, dass eine Debatte im Gange ist.
Unter enthusiastische Stimmen («Das ist Dolce Vita!» - «Ich muss unbedingt nach Italien!») mischen sich kritische Kommentare («Wie geht es wohl den Anwohnern?» - «Habt mal etwas Respekt!»).Für die einen zeigt sich hier die Lebensfreude einer Jugend, die durch Corona viel verpasst hat. Für die anderen - namentlich die Anwohner - sind die nächtlichen Feiermobs der Ausverkauf ihrer Städte an den Massentourismus.
Die sozialen Netzwerke haben ihre eigenen Regeln. Wer unter den fröhlichen Videos kritisch nachfragt, wird schnell als Spiesser oder Spassbremse niedergeschrieben. Es wird darüber diskutiert, ob hier authentische Lebensart oder Content für die Tourismusindustrie gezeigt wird.
So oder so - «Sarà perché ti amo» hat offensichtlich auch nach über vierzig Jahren Hitpotenzial.
Die musikalische Analyse: Warum «Sarà perché ti amo» so eingängig ist
«Der Song ist total interessant», findet der Musikwissenschafter Peter Klose von der Gesellschaft für Popularmusikforschung. Schnörkellos, eine Melodie, die wunderbar mit der italienischen Sprache harmoniere. Das Ganze höre sich dadurch an wie natürlich gesprochen. «Das macht ihn zum optimalen Mitsing-Song.»
Italienisch sei nicht umsonst schon seit dem 18. Jahrhundert die Sprache der Musik. Seine regelmässige Wortbetonung, anders als etwa im Deutschen, vereinfache das Mitsingen.
«Ausserdem besteht das Lied aus nur vier Akkorden», so Klose. Ein «Four-Chord-Song», das sei eine äusserst eingängige, beliebte Struktur. Manche Experten bezeichnen sie gar als Zauberformel für Hits.
«Über diese Akkorde ist eine Melodie gelegt, die aus vielen gleichen Bausteinen besteht. Der Song ist in E-Dur geschrieben und fängt auch auf dem Grundton von E-Dur an. Er bewegt sich dann bis zum H - das ist eine Quinte, eine sehr bequeme Mittellage zum Mitsingen für verschiedene Stimmlagen. Die Melodie beginnt auch immer wieder auf diesem E, und das vereinfacht den Einstieg ins Mitsingen.»
Wenn man des Italienischen nicht mächtig ist, scheint der Text aber eigentlich zu schwierig, um ihn wirklich mitzusingen. «Che confusione, sarà perché ti amo. È un’emozione che cresce piano piano . . .» - Was für eine Verwirrung, das wird sein, weil ich dich liebe. Es ist ein Gefühl, das langsam wächst . . . Der Refrain: «E vola, vola, si sa. Sempre più in alto si va. E vola, vola con me. Il mondo è matto perché . . .» Übersetzt ungefähr: Und flieg, flieg. Höher und höher geht es. Und flieg, flieg mit mir. Denn die Welt ist verrückt . . .
«La la la» ist das, worauf sich die meisten Touristen beschränken. Aber bestimmte Schlagworte, so Klose, sässen an den richtigen Stellen, nämlich auf dem Ausklang einer Strophe, um sie dann wieder aufzunehmen: «confusione», «ti amo», «emozione», «piano piano».
Hinzu kommt, dass «vola, vola» an «Volare» erinnert und damit an einen berühmten italienischen Klassiker, der im kulturellen Gedächtnis vieler Ausländer gespeichert ist und mit Freiheit und Süden assoziiert wird.
Sobald das Lied erklingt, wird gesungen und gejohlt.

Szene aus einem Video, in dem Menschen "Sarà perché ti amo" singen. (Quelle: YouTube)
Der Rhythmus, der zum Tanzen einlädt
«Das Lied hat ausserdem einen sehr tanzbaren Rhythmus, die Beats sind vom Bass klar markiert. Dann gibt es in der Mitte diesen Teil, wo die Melodie runterfährt, der Bass fällt fast weg - dann steigen alle wieder ein. In der elektronischen Musik ist das ein üblicher Effekt, der sich Bass Drop nennt, ein Kniff, den zum Beispiel Techno-Musiker nutzen, um die Massen zu euphorisieren und Spannung auf der Tanzfläche zu erzeugen.»
Der Komponist Dario Farina habe ein sehr modernes Arrangement geschaffen, so Klose. Ein universales und zeitloses Stück - das auch heute noch die Menschen in den Strassen zum Tanzen bringt.
Die soziokulturelle Bedeutung: Warum wir zusammen singen und tanzen
Der Musikwissenschafter Georg Brunner befasst sich mit Fangesängen und rechter Musik. Damit Menschen in der Öffentlichkeit singen, müssen laut Brunner drei «nicht alltägliche» Umstände zusammentreffen: «Ein nicht alltägliches Getränk wie zum Beispiel Alkohol, eine nicht alltägliche Bekleidung wie ein Karnevalskostüm oder ein Fussballtrikot und eine nicht alltägliche Bewegung wie Tanzen.»
Im Urlaub kleidet man sich oft anders als zu Hause, der Touristenlook könnte als «nicht alltägliche Bekleidung» durchgehen, so Brunner. Insofern seien alle drei Voraussetzungen in Italiens Städten gegeben.
Beim Singen in grossen Gruppen gehe es um eine zentrale menschliche Erfahrung, erklärt Brunner: «In der Masse findet eine Deindividualisierung statt, man weiss nicht, ob der Mensch neben einem Arzt oder Bauarbeiter ist.»
Dieses Miteinander in grossen Gruppen war in der Corona-Zeit nicht möglich und sei danach, so Brunner, wieder umso wichtiger geworden. «Gemeinsames Singen ist ein Grundbedürfnis, um Emotionen ausdrücken und mit Menschen in Verbindung zu gehen. Das gehört zum Menschsein dazu. Und man kann eben nicht über Zoom zusammen singen.»
Beim Gesang in der Masse gebe es keine Hemmschwellen. «Es geht nicht darum, dass ich schön singe, sauber und gesund. Man kann grölen, man darf alles rausschreien.» Es komme auch eine Portion Eskapismus hinzu, so vermutet Brunner, das Ausbrechen aus dem Alltag - dem man gerade in den Ferien frönen könne.
Die Rolle der Jugend und die Wiederentdeckung des öffentlichen Raums
Besonders Jugendliche vermissten in der Corona-Zeit mit ihren geschlossenen Diskotheken und Versammlungsverboten das gemeinsame Feiern.
Gerade in Italien war der Lockdown sehr streng. In dieser Zeit begannen geheime Partys im Kornfeld und Raves im Wald. Der öffentliche Raum wurde aus Mangel an Möglichkeiten zum Feierraum. Die tanzenden Gruppen in den Städten sind ein Phänomen, das in dieser Zeit begann. Beim viralen Erfolg von «Sarà perché» trafen diese verschiedenen Faktoren aufeinander.
Von Coverversionen und DJ-Remixen: Die globale Verbreitung
DJ und Coverbands wurden auf die Feiervideos aufmerksam und entdeckten das Potenzial der Komposition. Zu bestehenden Coverversionen, zum Beispiel auf Tschechisch («Hej, volá, volá Sisa»), Niederländisch («Hei kom iech zeker trök») und Schwedisch («Var ska vi sova i natt»), kamen Umdichtungen wie «Auf geht’s nach Malle» oder fürs Après-Ski: «Auf in die Berge» - und machten den Song zum Partyhit.
Die bis dato recht erfolglose A-cappella-Band Esteriore Brothers sang das Lied in einer venezianischen Gondel und generierte Millionen von Klicks und Likes.
Dance-Versionen verschiedener DJ entstanden, die wiederum das jüngere Publikum auf das Original aufmerksam machten, es stieg sogar wieder in die Charts ein. Manche Internetkommentatoren bezeichnen es unter den Feiervideos gar als Italiens inoffizielle Nationalhymne.
Und was sagt Dario Farina, Komponist von «Sarà perché ti amo», zum Erfolg seines Liedes, über Jahrzehnte und Generationengrenzen hinweg?«Wenn ich Leute ‹Sarà perché ti amo› singen höre, bekomme ich noch immer Gänsehaut.
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