Das erste italienische Wort, das ich gelernt habe, war mora - Brombeere. Damals war ich vier Jahre alt und mit der Familie an der Adria in den Ferien. Der tägliche Besuch in der Gelateria war das Ferienhighlight schlechthin, mora seither meine absolute Lieblingssorte.

1. Eisige Favoriten
Wir Schweizerinnen und Schweizer sind Glace-Traditionalisten. Geschmacksexperimente, Fehlanzeige! Die Top-3-Sorten sind Vanille, Erdbeer und Schoggi, weiss der Verband der Schweizer Glaceproduzenten Glacesuisse . Etwas langweilig, oder?
Il Classico: zum Vanilleglace-Rezept
Noch einfacher: diese Variante mit Vanilleflan
2. Glace à gogo
Ganz und gar nicht langweilig ist das Sortiment von La Casa Gelato in Vancouver, Kanada. Die Gelateria der Familie Misceo bietet 238 Glacesorten an und ist damit Weltrekordhalterin. Im Sortiment finden sich zum Beispiel Kimchi, Schokolade und Speck oder gerösteter Knoblauch. Vielleicht ist langweilig ja doch besser …

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3. Brain Freeze - der Feind des Glacegenusses
Den stechenden Schmerz im Kopf beim Genuss kalter Speisen kennst du bestimmt auch. Wodurch Brain Freeze ausgelöst wird, ist nicht ganz klar. Die Kälte am Gaumen könnte zu einer Verengung der Blutgefässe führen. Aber auch das Gegenteil ist möglich: Das Gehirn schützt sich durch die Erweiterung der Blutgefässe vor Abkühlung. Dadurch steigt der Druck, Schmerz entsteht. Tipp: Die Zunge einige Sekunden fest an den Gaumen drücken - das soll den Schmerz beseitigen.
4. Glace gegen die Sommerhitze - eher nicht!
Wir haben zwar das Gefühl, dass uns die Kälte der Glace erfrischt, tatsächlich ist es genau umgekehrt: Essen wir etwas Kaltes, muss der Körper es erwärmen, um es verdauen zu können.
5. Glace-Globus
Es muss nicht immer italienisches Gelato sein. Indien kennt Kulfi, ein sehr dichtes, cremiges Eis mit Kardamom, Mango oder Safran. In der Türkei wird das klebrige und etwas zähflüssige Dondurma verkauft - von Strassenhändlern, die sich bei der Übergabe der Waffel gerne den einen oder anderen Scherz erlauben. Mein Favorit ist Ais Kacang aus Malaysia: eine leckere Mischung aus geschabtem Eis, roten Bohnen, Mais, Fruchtjelly, Nüssen und Kondensmilch. Gewöhnungsbedürftig? Auf jeden Fall!
Mal was anderes: Hier gehts zum Kulfi-Rezept.
6. Die Weltmeister kommen aus Neuseeland
Am meisten Glace wird in Neuseeland geschleckt - 2019 waren es im Schnitt 28,4 l pro Person . Zum Vergleich: Wir Schweizer essen gerade mal 5,1 l pro Jahr. Erfreulich daran: Rund drei Viertel der in der Schweiz verkauften Glace stammen aus einheimischer Produktion.
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7. Amerika und Ice Cream - eine Love Story
Die erste industrielle Glacefabrik nahm 1851 im US-Bundesstaat Pennsylvania ihren Betrieb auf. In den USA hat Glace ohnehin einen besonderen Stellenwert: Die US-Amerikaner gehören nicht nur zur Top 3 der Glacekonsumenten weltweit. Jeden dritten Sonntag im Juni feiern sie zudem den "National Ice Cream Day". Der Feiertag wurde vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ins Leben gerufen.
8. Die eiserne Lady - ganz soft!
Auch Ronald Reagans britische Amtskollegin Margaret Thatcher - Spitzname: die eiserne Lady - hat einen Bezug zu Glace. Vor ihrer Zeit als Premierministerin arbeitete die studierte Chemikerin beim Nahrungsmittelkonzern J. Lyons & Co. Dort soll sie an der Entwicklung von Softeis beteiligt gewesen sein, heisst es - der Name "soft ice" soll sogar von der eisernen Lady persönlich stammen.
9. Vier Zutaten für ein Halleluja
Glace kann man natürlich auch selber machen. Das klassische Grundrezept basiert auf vier Zutaten: Milch, Rahm, Eier, Zucker.
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Glace selber machen: alles, was du wissen musst
10. Rühren, rühren, rühren!
Wenn man Flüssigkeiten gefriert, werden sie pickelhart. Bei der Glace gilt es, das zu verhindern. Das Geheimnis liegt im Rühren: Indem die Masse gleichzeitig gekühlt und regelmässig durchgerührt wird, werden die entstehenden Eiskristalle immer wieder zerkleinert. Die Luft, die beim Rühren in die Masse kommt, macht die Glace zusätzlich cremig.
11. Rekordverdächtig
In der Gelateria bestellen wir je nach Appetit mal eine, mal zwei Kugeln. Ein oder zwei Kugeln - lächerlich für Dimitri Panciera! Er ist Weltrekordhalter im Glacekugelstapeln.
12. Einen an der Waffel
Die tütenförmige Waffel ist in der viele tausend Jahre alten Geschichte der Glace eine relativ neue Erfindung. Hauptgrund dafür war: die Glace to go. Der Verkauf auf der Strasse oder an Veranstaltungen begann in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Den Verkäufern war es zu mühsam, Tellerchen mitzuschleppen und wieder zu reinigen. So auch dem italienischstämmigen Eisverkäufer Italo Marchiony: 1903 liess er ein Waffeleisen für die Herstellung von Cornets patentieren.
13. Aus Zufall zum Eis am Stiel
Alternative zur Waffel ist das Eis am Stiel. Als Erfinder der Stängelglace gilt der 11-jährige Frank Epperson aus San Francisco. Im Jahr 1905 liess er ein Glas mit Limonadenpulver, Wasser und einem kleinen Rührstab versehentlich auf der Veranda seines Elternhauses stehen. In jener Nacht fielen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Die Flüssigkeit gefror, das Eis am Stiel war erfunden. Seine Erfindung verkaufte Frank Epperson fortan an Schulfesten.
14. Galaktische Glace
A propos Stängelglace: Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein grosser Sprung für die Menschheit und ein riesiger Satz für die Glacegeschichte! 1969, anlässlich der Mondlandung von Apollo 11, lancierte die Rorschacher Firma Frisco-Findus die "Rakete". Die Wasserglace mit Schoggihaube, Orangen- und Ananasgeschmack ist auch über 50 Jahre später beliebt wie eh und je.

15. Stilsicher schlecken
Glace beschäftigt auch Benimm-Experten. Spazierend am Eis zu schlecken, ist nicht wirklich comme il faut. Sie empfehlen, die Glace auf einer Parkbank sitzend und mit einem kleinen Löffelchen zu geniessen. Das verringert das Klecker-Risiko, verhindert, dass man seinen Mitmenschen die Zunge zeigen muss - und macht es ganz und gar unwahrscheinlich, dass diese Benimm-Experten zu meinem nächsten Badi-Ausflug eingeladen werden.
16. Zu guter Letzt: die Milch!
Wer hats erfunden? Vermutlich nicht die Italiener, wie man vielleicht vermuten würde. Dort ist das "Gelato" wahrscheinlich erst mit Marco Polo, dem Entdecker, angekommen. Viel eher dürfte der Ruhm für die Erfindung China oder Persien gebühren. In Griechenland ist Speiseeis seit der Antike belegt - als Mischung aus Eis, Früchten und Honig. Anders als unserer heutigen Glace fehlten dem "Ur-Eis" aber die Milchprodukte. Diese kamen je nach Quellen im späten 16. oder frühen 17.
Als ich zum ersten Mal in der Schweiz Lust auf Speiseeis verspürte und in Winterthur ein Lokal betrat, in dem es dies zu kaufen gibt, begann das Verkaufsgespräch mit einem Missverständnis: „Ich hätte gern Eis“, sagte ich, und die Frau an der Theke griff in den Kübel mit Eiswürfeln, als wollte ich einen Whiskey on the rocks trinken. „Nein, sorry, ich meine natürlich ‚Glacé’“, wiederholte ich meine Bestellung, und zog dabei dezent die Glace-Handschuhe aus.
Deutschland ist überzogen von einem Netz von italienischen Eisdielen. Kein Dorf, keine Kleinstadt, die nicht einen original italienischen Eismann hat. In der Schweiz sind „Eisdielen“ hingegen äussert selten anzutreffen. Wir kennen eine Eisdiele in Schaffhausen, es gibt eine weitere in Dübendorf, und im Zentrum von Zürich soll es noch eine Amerikanische geben, die wir aber noch nie gefunden haben. Die Schweizer sind keine wirklichen Speise-Eis-Fans. Wenn Glace, dann abgepackt vom Feinkost-Lieferanten, vom „Patissier„, als Luxus-Mitbringsel zu einer Einladung. Sonst kennen sie nur Packungseis, z. B. Eisdielen in Deutschland sind wahre Geldmaschinen. Es gibt keine Registrierkasse für den Strassenverkauf, die Einnahmen können in cash am Fiskus vorbei verbucht werden. Mit dem Finanzamt werden nur die Beträge für die eingesetzten und eingekauften Rohprodukte abgerechnet. Die Mitarbeiter sind meist Familienangehörige, in jedem Sommer kommen anderen mit nach Deutschland, lernen die wichtigsten Wörter „Bitte Schön, in der Waffel oder im Becher, mit Sahne, Einpacken, Danke“ und natürlich die zahlreichen frischen Eissorten.
Und kommen Sie bloss nicht auf die Idee, beim Schild „Strassenverkauf“ die Frage zu bringen: „Ein Stück Strasse bitte, mit Sosse“… . Jeder kleine Ort hat seine Eisdiele mit Strassenverkauf. Im Winter haben sie zu, da fahren die Italiener heim und bauen weiter an ihren Eigenheimen mit dem in Deutschland verdienten Münzgeld.
Ist das Lebensmittelgesetz strenger? Konnten die Italiener hier zwar Pizzarien, aber keine „Gelaterien“ etablieren? Mögen die Schweizer kein Eis? Diese Eisdielen-Mode gibt es wohl nur in Deutschland. Wir vermissen sie.
Beim Besuch in Waldshut oder Konstanz gilt es dann, das Versäumte nach Kräften nachzuholen. 4-5 Kugeln in der Waffel auf die Hand, und bei der Rückkehr vom Bummel durch die Fussgängerzone das Ganze gleich noch mal wiederholen, es gibt ja genügend Sorten zum Ausprobieren.
| Land | Verbrauch pro Person (Liter) |
|---|---|
| Neuseeland | 28,4 |
| Schweiz | 5,1 |