Die Currywurst: Geschichte und Herstellung einer deutschen Ikone

Die Currywurst ist ein gutes Beispiel dafür, wie kulinarische Komponenten aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenfinden können und wie daraus etwas Neues entsteht. Was für uns der Cervelat oder die St. Galler Bratwurst ist, ist für viele Deutsche die Currywurst.

Doch was zeichnet die deutsche Küche aus? Schauen wir uns eine der bekanntesten Spezialitäten etwas genauer an.

Currywurst mit Pommes

Die Erfindung der Currywurst

Über die Entstehung der Currywurst gibt es unterschiedliche Informationen. Am 4. September 1949 hat Herta Heuwer, eine Berliner Imbissbetreiberin, die Currywurst erfunden. So lautet die geläufigste Version der Geschichte.

So wird kolportiert, dass es die Besitzerin einer Berliner Imbissbude war, die 1949 auf die Idee kam, eine Bratwurst mit einer roten Sauce anzubieten, die neben anderen Zutaten auch Currypulver enthielt. Andere Quellen dagegen sagen, dass die Erfindung der Currywurst das Resultat eines gemeinsamen Pröbelns verschiedener Berliner Wurstverkäufer gewesen sei.

An einem verregneten Tag im September war in Herta Heuwers Imbissbude wenig los. Sie fing an, mit verschiedenen Zutaten zu experimentieren, und goss das Ergebnis über eine gebratene und zerstückelte Dampfwurst. Die Currywurst war somit geboren!

Dabei war Heuwers gar keine Köchin. Von 1929 bis 1932 hatte sie eine kaufmännische Weiterbildung, anschliessend eine Ausbildung als Schneiderin und danach einen Haushalts- und Kochkurs absolviert. 1949 eröffnete sie dann einen Kiosk in der Nähe des Stuttgarter Platzes in Berlin, in dem sie im selben Jahr die Currywurst kreierte.

Schon bald musste sich Heuwer anhören, sie sei gar nicht die Erfinderin der Currywurst. Allerdings war sie so clever und liess ihre Currywurst-Sauce «Chillup» zehn Jahre nach Erfindung patentieren. So schuf sie den Beweis, dass die Currywurst wirklich aus Berlin stammt.

Das Rezept hütete Heuwer wie ein Staatsgeheimnis, nicht einmal ihrem Mann vertraute sie es an. Herta Heuwer verstarb am 3. Juli 1999 in Berlin und nahm ihr Rezept mit ins Grab.

Am ehemaligen Standort hängt heute eine Gedenktafel.

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Die Currywurst im Wandel der Zeit

Fast Food made in West Germany. So oder so, die Currywurst ist ein Gericht, das in die frühe Nachkriegszeit und zur Westbindung der BRD passte. Amerika hatte Cheeseburger, die Briten Fish’n’Chips. Und die BRD?

Typisch deutsche Gerichte wie Klösse oder Königsberger Klopse schmeckten vier Jahre nach Kriegsende zu preussisch, zu grossdeutsch. Und sie taugten nicht als Fingerfood. Da kam die Currywurst genau richtig.

Doch möglich wurde das erst durch die Währungsreform im Juni 1948. Damals wurde in der Westzone, der späteren BRD, die D-Mark eingeführt. Die Reform war die entscheidende Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit. Die Leute konnten sich wieder etwas leisten. Importprodukte wie Currypulver wurden erschwinglich. Erst diese Konjunktur ermöglichte es, dass die BRD, genau wie ihre neuen Verbündeten, eine eigene Fast-Food-Spezialität erhielt.

Seit damals ist um die Currywurst ein Kult entstanden. Beigetragen haben Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Politiker. So wurde die Novelle von Uwe Timm nach ihrer Veröffentlichung als Theaterstück adaptiert. Später sogar verfilmt.

Um einiges bekannter ist der Pop-Song «Currywurst», den Herbert Grönemeyer 1982 veröffentlichte. Geschrieben haben den Text zum Song zwar zwei Freunde Grönemeyers, doch durch seine Interpretation wurde die Currywurst endgültig zum Markenzeichen der einfachen Leute, der Arbeiter, der Pott-Originale.

Vielleicht macht gerade die Einfachheit den Erfolg der Currywurst aus. Sie kennt keinen Schnickschnack. Man bekommt, was man bestellt. Die Currywurst riecht nach Schweiss, Bratfett, ehrlicher Arbeit, dem sogenannten Bodensatz der Gesellschaft.

Die Currywurst in der Politik

Für Politiker ist die Currywurst deshalb zu einem beliebten Vehikel geworden, wenn es darum geht, die Distanz zwischen ihnen und ihren Wählerinnen und Wählern zu verringern. Wer auf Wahlkampfveranstaltungen eine Currywurst isst, schaut auch, dass ein Fotograf dabei ist.

Der vorläufige Höhepunkt dieser politischen Instrumentalisierung erfolgte, als sich Bundeskanzler Olaf Scholz 2021 im Wahlkampf um die Kanzlerschaft befand. Auf die Frage, ob er lieber Bio-Currywurst oder Veggie-Burger von McDonald’s habe, sagte Scholz: «SPD ist Currywurst.»

«SPD ist Currywurst», sagte Scholz im Wahlkampf 2021.

Die Currywurst im Fernsehen

Auch das Fernsehen hat von der Beliebtheit der Currywurst profitiert. Fast dreissig Jahre lang kam die Currywurst in der Krimiserie «Tatort» zu prominenten Auftritten. Denn die Kölner «Tatort»-Kommissare Ballauf und Schenk pflegten nach einem gelösten Fall ein Ritual.

Oft, kurz vor Ende der Folge, gingen sie zu einer Imbissbude am Rheinufer. Dort bestellten sie zwei Bier und zwei Portionen Currywurst. Sie nippten am Kölsch, kauten, schmatzten. Gleichzeitig rekapitulierten sie für das Fernsehpublikum die vergangenen anderthalb Stunden und fügten ihre Erkenntnisse zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen.

Mit Currywurst im Mund stellten Ballauf und Schenk die Gerechtigkeit in bundesdeutschen Wohnzimmern wieder her.

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